Title:

Gefangen und frei

Description:  Ich muß sie retten... Alle... ich darf sie nicht sterben lassen. Es ist alles meine Schuld. Ich darf sie nicht sterben lassen...
Author:Edmond Pollak
deutsch
  
ISBN: B000ASISII   ISBN: B000ASISII   ISBN: B000ASISII   ISBN: B000ASISII 
 
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Gefangen und frei

„Und dort ist die Giraffe“, sagte ich, während ich mit meinem Arm am Nachthimmel herumschwenkte.
„Was ist eine Giraffe ?“, fragte mich Julian.
„Nun ja, das ist ein Tier mit einem langen Hals, das auch auf der Erde vorkommt.“, antwortete ich.
„Und du warst echt schon auf der Erde ?“, fragte mich mein Junge.
„Klar. Vor langer Zeit. Bin ja dort geboren.“, antwortete ich.
„Boaa. Mußt du es gut gehabt haben. Dort ist es sicher voll geil!“, sagte er.
„Nun ja – wie mans nimmt. Ich finde es hier schöner.“, klärte ich ihn auf.
„Ok, dann zeig mir mal ein Sternbild, was irgendwas Vulkuanisches zeigt.“, meinte er.
„Das heißt „Vulkanisches“ – nun ich und deine Mutter stammen eben von der Erde ab. Deswegen haben wir uns für die Sterne irdische Begriffe einfallen lassen...“, sagte ich, und wurde unterbrochen....
„Paps ! Was ist das ?“, sagte Julian, und zeigte in eine Richtung des Himmels, in die ich gerade nicht schaute. Schnell aber riß ich meinen Kopf dahin, da es nach Julians Tonlage etwas Koloßales zu sein schien.
„Nun, das ist eine Sternschnuppe, eine überaus Schöne sogar.“, sagte ich ihm.
Interessanterweise war sie auch sehr langsam. Das merkte auch mein Sohn, und er fragte, wieso das so sei.
„Tja, du weißt doch was ich dir über Gravitation erzählt habe. Ausserdem bewegt sich Vulkan nur langsam um die Sonne. Sternschnuppen kommen daher mit etwa 10 km/s in die Atmosphäre, die ich und deine Mutter auf 100 km dick schätzen. Kommt eine Sternschnuppe in die Atmosphäre, kann sie also durchaus 15 Sekunden lang brennen.“, klärte ich Julian auf.
„Aha“, sagte mein Junge abtuend, während er die Sternschnuppe bewunderte.
„Wurde denn schon jemand von einer Sternschnuppe erschlagen ?“, fragte er nach einer Pause.
„Nein, nicht das ich wüßte.“, antwortete ich ihm.
„Weil die wird glaub ich nicht verglühen.“, meinte Julian keck.
„Trotzdem. Es ist wahrscheinlicher, daß du von einem Blitz erschlagen wirst – und wurdest du schon von einem erschlagen ? Nein !“, sagte ich ihm belehrend. Währenddessen aber näherte sich der Meteor weiter, und ich begann nun ebenfalls zu denken, daß er aufschlagen würde. Mit einem lauten Heulen zog er über unseren Köpfen nach Nordosten, und erhellte für einen Augenblick unsere ganze Umgebung taghell.
„Boaah“, kam es von meinem Jungen staunend. Auch ich staunte.
Dann aber wurde es wieder stockfinster, und der Meteor verschwand hinter dem Horizont. Nach nicht allzulanger Zeit aber erfolgte ein sachtes Beben.
„Hah ! Er hat doch eingeschlagen !“, jubelte Julian.
„Ok, er hat eingeschlagen.“, räumte ich ein – „Und ?“, setzte ich hinten nach.
„Was und ? Na anschaun, ist doch klar.“, meinte Julian im Abenteuerfieber.
„Du es ist fast schon Mitternacht. Eine halbe Stunde bis wir nach Hause kommen. Der Meteor ist mindestens zwei Tagesmärsche von uns weg. Wir müßten eine Wanderung von einer Woche also machen. Das ist noch nichts für Zwölfjährige. Nicht einmal was für mich und deine Mutter. Wir waren da draussen. Da stinkts nach Schwefel und die Landschaft ist öde langweilig“, bläute ich ihm ein. Aber er schien enttäuscht zu sein.
„Ok, wir werden es uns mal anschaun. Versprochen. Aber nicht jetzt. Zu deinem 14. Geburtstag, ok ?“, versuchte ich ihn zu trösten.
„Ach, bis dahin sind ja schon alle Spuren weg – ist Gras über die Sache gewachsen. Jetzt glüht es ja noch !“, sagte Julian.
„Du, einen Marsch von einer Woche unternimmt man nicht von heut auf morgen.“, sprach ich in belehrendem Ton, „und jetzt komm. Jane, wird sich schon Sorgen machen“, fügte ich hinzu.
„Ok, ich merk mir dein Versprechen – ich nehm dich beim Wort !“, sagte Julian zu mir. Ich wußte, das er das ernst meinte. Das ich aus diesem Versprechen mich nicht mehr herausschlengeln konnte.

„Jane, und du kommst auch sicher klar mit Sylvia ?“, fragte ich, während Julian schon in der Ferne ungeduldig wartete.
„Klar, Danny-Boy – sie ist ja schon ein großes Mädchen.“, sagte Jane zu mir beruhigend.
„Ok – brauchst du vielleicht Troll ?“, fragte ich noch.
Sie kicherte ein wenig, und meinte, ich solle ihn ruhig mitnehmen. Nun gut, Troll war eigentlich nie eine große Hilfe. Was kann eine Glaskugel schon ausrichten oder helfen ? Aber Troll wußte immer die besten Lösungen auf verschiedenste Probleme. Das half uns schon in manch verzwickter Situation. Eigentlich war es ein blöder Name, den Julian ihn gab. Aber er hat sich durchgesetzt. Für Troll war es nicht schwer, sich umzugewöhnen von Geo. Ich finde Geo nachwievor irgendwie passender – und kürzer.
„Paaps – wo bleibst du ?“, rief Julian.
„Ja, ich komme schon – mußte mich nur noch von Jane verabschieden“, rief ich zurück, und schnallte mein Gepäck um.
„Troll, folge mir.“, sagte ich.
„Verstanden, Dan.“, glitzerte eine ruhige Stimme aus der Glaskugel der Emoni.
„Das du aber auch immer trödeln mußt, Paps“, sagte mein Sohn in einem leicht vorwurfsvollen Ton.
„Hey, ich bin nicht mehr der Jüngste.“, sagte ich ihm verschmitzt.
„Jaja...“, tat es Julian ab, und richtete seinen Blick zu den morgentlichen Nebelschwaden, die sich in der Richtung des Zieles im Horizont verloren. Die leere steppenartige Ebene, die ich schon mit Jane durchwandert hatte, breitete sich vor uns aus. Ehrfurcht machte sich vor dieser Ebene in meiner Brust breit. Ehrfurcht vor der unerbittlichen Natur, die Julian noch nicht in ihrer vollen Tragweite kannte. Er wuchs schließlich schon mit den Hilfsgegenständen auf, die wir von der Eurynome hatten. Man könnte fast sagen, er sei ein verwöhnter Junge – wenn er nicht selbst stets das Abenteuer gesucht hätte. Ich war verwundert, als er mir mit 8 Jahren das erste Koalaraubtier daherbrachte. Natürlich gabs von Jane aus gleich eine Woche Stubenarrest. Aber er hatte es mit selbstgemachten Waffen erbeutet. Die übrigen Koalaraubtiere hatte er in die Flucht geschlagen. Mit 8 Jahren ! Dennoch – er war zu naiv. Zu selbstsicher. Er brach sich schon oft die Knochen, wenn er irgendetwas abenteuerliches vorhatte, wie zum Beispiel, als er das Mammutgnu erlegen wollte letztes Jahr. Er war einfach zu ungestüm, und zu ungeduldig. Mich wundert, daß er es überhaupt bis heute ausgehalten hat, nicht nach diesem Meteor zu sehen.
„Troll, wie gehts dir heute ?“, zerbrach Julian meine Gedanken.
„Danke, es geht mir gut, Julian – wohin gehen wir ?“, fragte die Glaskugel.
„Wir schauen uns den Meteorkrater an, der einige Tagesmärsche von uns, eingeschlagen hat. Hey Paps – dann hätten wir ja auch Eisen, für weitere Werkzeuge und Waffen – cool nicht ?“, meinte Julian zu mir.
Ich nickte ihn nur geistesabwesend zu. Ich merkte, ich war nicht mehr so bei Kräften wie noch vor 15 Jahren. Ich wollte mir nicht anmerken lassen, das ich sehr viel sparsamer mit meinen Kräften umgehen mußte, als ich dachte.
Der Tag verlief zum Glück ereignislos. Auf der Sprache Julians : langweilig ! Ich wünschte mir, er würde es einmal zu schätzen lernen, wie gut es sein kann, wenn es langweilig ist. Solange einem langweilig ist, meint man Probleme nicht zu spüren. Auch Julian kannte keine. Noch nicht. Die Zeit, wo er sich eine Partnerin suchen wollen würde, war nah. Ich wußte, daß das ein Problem werden würde. Und das war ein großer Einwand, als Jane und ich überlegten, ob wir Kinder haben sollten. Ja es war egoistisch...

Als ich am nächsten Morgen erwachte, sah ich, wie Julian schon die Hälfte aller Sachen zusammengepackt hatte. Er schlang auch sein Frühstück geradezu herunter. Man sah es ihm an, daß er wieder in Wallung war, was den Meteoriten anbelangte. Ich aß weniger, um es ihm recht zu machen, früh aufbrechen zu können. Auch sonst konnte ich in der Früh nie wirklich was essen. Es war Janes Angewohnheit ständig drei Mahlzeiten am Tag zu haben. Das Frühstück machte daher immer sie. Julian hatte sich diese Eigenheit von seiner Mutter abgekupfert. Nicht aus Zufall : wenn er vor hatte in den Wäldern herumzustreifen, mochte er nicht sinnlosen Proviant mitschleppen. Lediglich deswegen aß er am Morgen.
„Kannst du schon was sehen ?“, fragte mich Julian. Ich schärfte meine Augen, aber alles was ich durch den Feldstecher sah, war ein winziger verschwommener dunkler Fleck am Rande des Horizonts.
„Nein – wir sind noch zu weit weg. Morgen gegen Nachmittag wirds besser aussehen. Vorausgesetzt das Wetter spielt mit.“, antwortete ich.
„Laß mich auch...“, sagte Julian wie ein Blitz, und nahm mir den Feldstecher ab. Ich grinste etwas über seinen enttäuschten Gesichtsausdruck. Wir waren eben zu weit weg...

„Toll, verdammte Scheiße !“, fluchte Julian am nächsten Tag.
„Hey, verdammte Scheiße’ darf nur ich sagen – ist mein Spruch.“, meinte ich zu ihm, etwas scherzend. Ich wußte, daß es im belehrendem Ton sicher nichts genutzt hätte.
„Ok, dann verdammte Vogelkacke !“, korrigierte Julian.
„Nun ja, sieht wohl so aus, als ob du bis Morgen warten müßtest, bis du was siehst.“, sagte ich mit einem Grinsen. Es regnete nämlich. Und das verschlechterte die Sicht erheblich.
„Mach dir nichts draus – dafür kannst du morgen mehr sehen. Nichts geht über einen erfrischenden Regenmarsch !“, sagte ich schadenfroh. Es war irgendwie lustig, Julian dabei zuzusehen, wie er ärgerlich den durchnäßten dunkelgelben Boden stampfte.
Mir kam der Regen ganz recht, um ehrlich zu sein. Er säuberte stets die Luft. Die schwefelige Luft vertrug ich nämlich weit weniger, als damals...
„Julian, nicht so schnell...“, rief ich ihm nach.
„Ich geh schon vor – du kannst ja nachkommen – ich werd auf dich warten.“, antwortete er mir. Eine Frechheit. Nicht nur eine Frechheit, sondern wieder eine unnötige Gefahr...
„Julian – her mit dir : sofort !“, schrie ich. Wütenden Schrittes kam er aus der Weite her. Vermutlich hatte er mich nicht genau gehört – aber er wußte wohl, was ich schrie.
„Verdammt – wieso muß es nach deinen Gesetzen gehen ? Es gibt hier keine Gefahr ! Du bildest dir immer diese Gefahren ein !“, warf mir Julian vor.
„Julian – keiner darf einzelnd unterwegs sein.“, sagt ich ihm.
„Achso ? Und was ist mit deinen Ausflügen, wo du Brennholz sammelst ? Und ausserdem läßt du mich auch zu Hause allein weg.“, konterte er.
„Erstens bin ich älter, und habe eine Ausbildung im freien Gelände – zweitens ist Zuhause, Zuhause – und Hier ist Hier. Ich kenne diese Steppe – wenig Nahrung : viel Kampf um Nahrung. So einfach ist das !“, klärte ich ihm in lautem Ton auf.
„Du erkennst nur nicht, daß ich kein Kind mehr bin. Hey, ich kann auf mich aufpassen – hab sogar schon ur oft auf dich aufgepasst !“, fauchte er zurück.
„Ok, ok dann bleib verdammt nochmal meinetwillen bei mir. Ich habe Angst in dieser Gegend – zu Zweit fühl ich mich doch sicherer.“, sagte ich ihm, kapitulierend.
Er zögerte, war dann aber zufrieden, und ging in meinem Tempo. Dennoch den Rest des Tages schwieg er mich an, und redete nur das Nötigste.
Gegen Ende des Tages hörte der Regen auf, und die Atmosphäre bot wieder klarere Sicht auf die Weite. Allerdings war es dunkel geworden, sodaß wir nun deswegen nichts durch das Fernglas sehen konnten.
Ich konnte wegen des Streites mit Julian nicht gut schlafen. Immer öfter stritt ich mit ihm – oder er mit mir. Ich weiß nicht, ob das wegen seiner pubertären Phase war, oder weil ich im Begriff war, ein alter nörglerischer Mann zu werden. Ich stand auf und begab mich hinaus, fernab vom Lagerfeuer, genoß die kühle frische Luft, in der noch immer der Duft des Regens hing, und schaute zu den Sternen.
Nach einer Weile kam Troll zu mir...
„Dan, wieso hast du dich entfernt ?“, fragte er.
„Ach – zuviele Gedanken.“ , antwortete ich abwesend.
„Über was ?“, hakte er nach.
„Denkst du, ich werde alt ? Du kennst mich ja nun schon sehr lange. Bin ich wirklich anders als früher ?“, fragte ich unsicher.
„Nun, ich meine, du warst früher unerfahrener. Sicherlich erlebtest du früher mehr durch deine Unvorsichtigkeit. Mit Bananenpflanzen ist eben nicht zu spaßen...“, sagte er, und ich mußte anfangen zu lachen.
„Ok, aber da war ich ja nicht unvorsichtig – ich kannte die Pflanze nur nicht. Nein ich meine: verhalte ich mich heute anders als früher ? Ich meine zu Jane und Julian ?“, fragte ich.
„Nun – auch da find ich, bist du eben verantwortungsbewußter geworden. Du meidest und beugst Gefahren vor, um sich ihnen nicht stellen zu müssen.“, meinte er.
„Eben : alt !“, räumte ich deprimiert ein.
„Denkst du, es ist schlimm alt zu werden ? Ich werde ja auch alt !“, sagte er fragend.
„Ja, ich finde das Altwerden schlimm. Es deutet einem den Tod schon an. Das Ende.“, klärte ich ihn über meine Gedanken auf.
„So, geht es dir gar nicht darum, daß dich die anderen für verändert finden. Es geht dir um deine eigene Vergänglichkeit.“, sprach Troll.
„Nun ja – auch. Es ist einerseits die Angst vorm Ende aber es ist schon auch wichtig zu wissen, ob man alles richtig gemacht hat im Leben. Ob man denen, die man liebt, genug war – oder ob man es besser machen hätte können.“, döste ich in die leere Nacht.
„Dan – du mußt wissen : ich werde auch nicht ewig leben. In einigen tausend Jahren werde ich meine Systemdegenerierungen nicht mehr kompensieren können, und meine Funktionen werden Null werden. Es wird im Grunde dasselbe sein, wie das, was du Tod nennst. Doch wieso meinst du, sollte man sich dagegen sträuben ? Alles um dir herum ist etwas, was tot war, und für eine kleine Zeit aus den Händen des Todes entronnen ist. Im Grunde ist unser eigentlicher Zustand, unser eigentliches Dasein : tot sein. Wir verwirren uns ja nur mit dem lebendigen Dasein, und machen den Gedanken an den Tod selbst zur Qual...“, sagte er in einem philosophischen Anflug.
„Du meinst also, es ist unnütz, sich um den Tod Gedanken zu machen ?“, fragte ich ungläubig.
„Exakt.“, antwortete er.
„Nun, ein Computer hat leicht reden – er ist in seiner Existenz lediglich eine Ansammlung von Zahlenwerten.“, meinte ich. Troll antwortete darauf nicht. Ich beließ es ebenfalls dabei, und blickte leer in den Nachthimmel. In diese schwarze Ferne, in der die Sterne ebenso, wie Ausnahmen des Daseins, auf den ihrigen Tod warteten....

Die Sonne war heiß an diesem Mittag. Und es war so still. Zu still. Nicht nur, weil ich es gewohnt war, das Julian immer was fragt, oder etwas erzählt. Ich vermißte ihn kaum, seit ich ihm am Morgen gesagt habe, er könne ruhig vorgehen. Er war wohl einige Kilometer weit weg von mir. Vielleicht war er auch schon am Kraterrand, den ich in der Ferne als kleinen schwarzen Strich schon sehen konnte. Zu weit weg. Meine Beine waren schwer geworden – schwerer als an jedem dieser Tage zusammengezählt. Ich fürchtete, ich könnte es nicht schaffen. Julian würde sicher am Kraterrand auf mich warten. Irgendwie war ich mir aber nicht sicher, daß ich es schaffen würde. Es war ironisch, daß gerade Julian, dem ich solange diesen Weg nicht zugetraut hatte, es mit Leichtigkeit schuf – und das sich viel eher bei mir die Frage stellte, ob ich es schaffe. Ich schaute zu meinen Füßen – weg von der Ferne. Sah, wie einen Schritt nach dem anderen erkämpfte. Ich machte das immer so. Indem ich den Blick vom Horizont nahm, wurde ich der Strecke nicht mehr bewußt, die ich zu gehen hatte. Dadurch beschwichtigte ich meine Angst immer. Immer zum Unmittelbaren schauen – dann ängstigt einen das Mittelbare nicht mehr so sehr. Ja, ich brauchte diesen Trick nun öfter, um an meine Ziele zu gelangen, als früher – so wie den Stock, das dritte Bein, welches mir mein Gewicht stützen half.
„Vater !!“, rief Julian zu, und ich atmete auf, daß ich den Krater schon erreicht habe. Doch es war nicht so. Ich blickte müden Blickes in die Richtung seiner Stimme, und der Krater war nicht viel näher gekommen, als ich zuletzt gen Horizont blickte.
„Vater, es ist kein Meteorit !“, rief Julian, als er mir nah war.
„Aha, willst du mir denn die Überraschung verderben ?“, fragte ich grinsend.
„Nein...Ok, sieh es dir selbst an.“, sagte er klein beigebend.
„Ach Julian. Ist schon gut. Du kannst es mir sagen. So wild bin ich nicht auf die Überraschung.“, meinte ich zu ihm, während ich langsamer ging.
„Ok, also ich glaub es ist ein Raumschiff. Also ein Krater eines Meteors ist es sicher nicht. Der Krater ist elliptisch !“, sagte er begeistert.
„Julian, daß heißt noch nichts. Er war schließlich sehr abgebremst worden in der Atmosphäre. Ausserdem ist er vielleicht kurz vor dem Aufschlag auseinandergeplatzt.“, meinte ich zu ihm belehrend, doch fühlte ich, daß es nicht notwendig war, ihn darüber aufzuklären.
„Ja, ok, und der Meteor soll etwa quadratisch gewesen sein ?“, meinte er mit frechem Ton.
„Ehm...Was ? Wirklich ? Du willst mir jetzt keinen Schabernack spielen ?“, fragte ich staunend.
„Nein. Wieso wäre ich sonst zu dir zurückgekommen ? Ich wollte es nicht auf eigene Faust ansehen.“, meinte er kurz.
„Danke. Du das war sehr klug von dir, daß du dich zurückgehalten hast.“, lobte ich ihn väterlich für seine Vorsicht. Er nahm das Lob nicht als so Wert, wie ich es beabsichtigte. Aber es reichte mir schon, daß er den Anschein machte, daß er meinen Dank als aufrichtig nahm, und nicht nur so dahingestellt.
Nach etwa einer Stunde des mühsamen Gehens, kamen wir an den schwarzen Kraterrand. Ohne Zweifel hatte der Meteor alles Kohlenstoffhaltige um den Einschlag herum verbrannt. Das nach zwei Jahren die Natur zu diesem Gebiet kaum Einzug erlangte, verwunterte mich. Es deutete darauf hin, daß der Meteor die Umgebung noch lange erhitzt haben müsse, bevor er ausgekühlt war. Doch was für ein Meteor ?
Vor mir tat sich eine Mulde von etwa drei Kilometer Länge, 300 Meter Breite und 100 Meter Tiefe, auf. Es war wirklich ein elliptischer Einschlag, was sehr ungewöhnlich war - aber nicht das Ungewöhnlichste, an diesem Krater. Das Kernstück war kein Meteorbrocken.
Wie Julian schon richtig sah, war es quadratisch. Besser gesagt : sie waren quadratisch, denn es waren drei quadratische Stücke. Das hintere Stück war am größten, während die zwei Stücke, die offenbar in Flugrichtung wiesen, die kleinsten waren – vielleicht je ein Viertel, des Gesamtstückes. Es war nicht schwer zu vermuten, daß es mal ein Raumschiff war. Ja, es war sicherlich ein Raumschiff. Es wirkte sogar irdisch.
„Ob da noch wer lebt ?“, fragte Julian, der auch ahnte, daß es ein Raumschiff war.
„Nein sicher nicht.“, sagte ich unbewegt.
„Mist – dann sind wir zu spät gekommen.“, ärgerte sich Julian und wollte wohl darauf deuten, daß ich mit ihm diese Reise unternehmen hätte sollen, als das Raumschiff abstürzte.
„Nein Julian. Es waren sicher auch beim Absturz keine Überlebenden da. Zumindest wären wir aber sicher für jeden Verwundeten zu spät angekommen. Nein, ich denke nicht, daß es hier Verwundete gab.“, sagte ich zu ihm, während ich eine Analyse von Troll forderte. Er hatte sie schon gemacht, als Julian am Krater war, jedoch fragte dieser sicher nicht nach der Auswertung.
„Nun, die Strahlung ist 200 mrem über Normal, aber auf einem noch ungefährlichen Niveau. Die Temperatur ist beim Objekt durchschnittlich 5 Grad Celsius wärmer als in der Umgebung. Keine sonstigen erwähnenswerten Ergebnisse.“, sagte Troll in vernachlässigendem Ton. Ihn schien das Wrack nicht sehr zu interessieren.
„Lebenszeichen ?“, fragte ich sicherheitshalber, obwohl ich die Antwort kannte.
„Keine auszumachen.“, kams wie erwartet, von Troll.
„Gehen wir runter ?“, fragte Julian gespannt, und wußte schon, wie ich antworten mußte.
„Ja, ok, wir gehen runter – aber vorsichtig !“, antwortete ich ihm.
Langsam stiegen wir also den porösen dunklen Rand des Kraters hinab. Es war eine tote Stelle. So tot, daß es meinen Verdacht noch mehr verhärtete, daß dies ein abgestürztes Raumschiff war, welches ganz schön viel Gift , Strahlung und Verwüstung bei seinem Aufschlag angerichtet haben muß. Die Todeszone war sicher 10 Kilometer im Durchmesser, als es passierte. Ein Glück, das wir zu der Zeit ein Vielfaches davon entfernt waren. Und selbst so hatten wir ein deutliches Beben wahrgenommen. Ausgeschlossen, daß im Raumschiff wer überlebte. Ich sah nun auch zwei der vermutlich 6 Triebwerke des Raumschiffs. Zwei waren zumindest zu erkennen. Weiters erkannte ich, daß das der größte Schiffsteil – also das Heck, schrägkantig im Boden steckte. Vermutlich etwa 50 Meter tief. Das konnte ich von den vorderen zwei Teilen schätzen, die etwa 100 Meter Breite hatten. Dabei war vermutlich auch das Heck gebrochen, und war lediglich scheinbar in einem Stück geblieben. Dadurch das es in die Erde sich bohrte, war es offenbar nicht so sichtbar zerbrochen.
„Verdammt – wir können da nirgends rein. Alles zerschmolzen !“, sagte Julian, womit ich ihm größtenteils recht geben mußte, aber ich hielt es noch immer nicht ausgeschlossen, einen Weg hinein zu finden.
„Schauen wir uns zuerst den Vorderteil des Hecks an – dort wo die Bruchstelle ist – da könnten wir vielleicht was finden.“, sagte ich ihm, während ich mit Schreck plötzlich feststellte , daß es sich um ein menschliches Schiff handelte. Der Bautyp war Saber – da war ich mir nun sicher. Gut, man brauchte Vorstellungskraft bezüglich der fehlenden Teile, und der, die in der Erde steckten. Aber ich war mir sicher. Julian merkte das noch nicht, denn er musterte noch immer das Schiff mit großen Augen und so hatte ich Zeit gewonnen, zu versuchen, diesen Schreck so schnell wie möglich aus meinem Gesicht zu bannen. Nun bereute auch ich, daß ich mit Julian nicht schon damals zum Wrack ging. Aber wieso war das Schiff abgestürzt ? Nun wo ich wußte, daß es sich um ein terranisches Schiff handelte, war mir auch klar, daß diese stets sehr sicher gebaut waren. Vor allem die Saber-Klasse. Ich hatte, seit ich ein Kind war, nichts mehr von einem Raumschiff-Absturz gehört. Es war einfach unmöglich, daß ein Schiff abstürzen konnte.
„Keine Chance.“, sagte Julian enttäuscht, als er den vorderen Bruchteil des Hecks erblickte.
„Nana, nicht so schnell aufgeben, Sohnemann.“, sagt ich ihm scherzend. Nun wo ich wußte, daß es ein Schiff der Menschen war, hatte ich einen sehr intensiven Drang, ins Schiff zu kommen, und herauszufinden, wieso es abgestürzt war.
„Pass auf, Paps!“, rief mir Julian nach, als ich auf den Metallstangen des Stützgerüsts des Schiffes herumkletterte und nach einer zugänglichen Stelle zu einem Gang suchte. Aber ich fand nichts. Alles war verschmolzen, oder in sich gedreht, oder zu klein, um durchzuschlüpfen, oder zu dehnen.
„Wir sollten vielleicht auch mal die vorderen Teile des Schiffes anschauen, oder einen Rundgang machen.“, rief Julian zu mir. Seine Worte aber beachtete ich nicht, sondern suchte nur fieberhaft diese stadiongroße Fläche ab.
„Hier !“, rief ich, und zeigte auf eine Stelle, die Julian sowieso nicht sehen konnte. Ich war etwa 20 Meter – vielleicht sogar noch mehr, über dem Boden, sodaß er vielleicht nicht mal meinen keuchenden Ruf hörte. Aber er hörte ihn, und fing auch an zu klettern. Es war nicht gefährlich. Es war, als ob man auf eine Leiter mit unzähligen Sprossen kletterte. Deswegen machte ich mir keine Sorgen um ihn. Er hatte unser Gepäck unten gelassen, und brachte lediglich unser Werkzeug mit.
„Was ist da ? Ich sehe nichts.“, meinte Julian, als er auf die Stelle sehen konnte, die ich auserkoren hatte.
„Es ist ein dünnes Stück Metallblech – vermutlich nicht einmal 5 mm dick. Schätze ich durchs klopfen.“, meinte ich.
„Nene – die ist sicher dicker. Das bekommst du nie durch !“, sagte Julian ungläubig.
„Wir werden sehen.“, antwortete ich, während ich den Hammer, und einen metallenen Stützpfosten unseres Zeltes nahm und begann auf die Platte einzuhämmern. Es war leichter als ich dachte, und die Metallplatte war wirklich etwa ein, oder zwei Millimeter dick. Schwieriger war es, das gemachte Loch zu vergrößern. Julian aber ging mir zur Hand, und half mir, während Troll die Umgebung nach Raubtieren, bewachte. So konnten wir gegen Abend ein Loch schaffen, durch das wir schlüpfen konnten. Julian wollte vorgehen, aber ich verbot es ihm. Ich wollte keine unnötigen Risiken eingehen. Zuerst leuchtete ich mit der Taschenlampe rein, und meinte scherzhaft : „Ja , es ist wirklich ein Raumschiff.“, was ja schon den ganzen Tag klar war.
„Wir werden größtenteils auf den Wänden des Raumschiffs gehen müssen, weil es ja gekippt ist. Das wird es nicht leicht machen, uns umzuschauen.“, fügte ich hinzu, und Julian nahms schweigend hin. Er wollte wohl zumindest als erster mit der Taschenlampe reingeschaut haben.
„Wenn ich nicht in 5 Minuten zurückbin, dann schick Troll rein.“, sagte ich Julian noch, während ich im Loch verschwand.
Das Schiff war abgesehen davon, daß es dunkel war, innerlich in einem besseren Zustand, als ich dachte. Ich ging immer tiefer hinein, und die Beschädigungen wurden immer geringer. Leichen gab es interessanterweise keine. Vor allem, wo ich bei der Größe dieses Schiffes mehrere hundert, wenn nicht gar tausende Besatzungsmitglieder annahm, kam mir das seltsam vor. „K-Deck“, stach es mir plötzlich in die Augen, durch das staubige Licht, welches meine Taschenlampe warf. Ungewöhnlich fiel mir auf, daß die Luftfeuchtigkeit enorm hoch war. Wassertanks mußten wohl explodiert sein, als das Schiff aufschlug. Die größere Wärme im Schiffsinneren aber, überraschte mich nicht. Reaktoren, Antriebe, und all das sonstige kühlen ohne Kühltanks eben nicht so schnell aus. Das Atmen fiel trotz dieser Luftbedingungen, nicht schwer. Irgendwie hatte ich den Eindruck, daß die Sauerstoffsättigung wohl eine höhere war. Das wiederrum erstaunte mich wieder. In all diesen Beobachtungen tauchte Troll auf, und erinnerte mich daran, daß ich die Zeit total vergessen hatte. Also machte ich mich wieder auf zu Julian, um auch ihn, an diesem Entdecken teilhaben zu lassen.
„Wow“, staunte Julian, als er die langen verkreuzten Gänge erblickte, worin das Taschenlampenlicht sich verlor.
Schnell aber verflog, all diese Euphorie von uns, als ich Geräusche hörte. Ich deutete Julian mit einem Stoß an, daß er sich Richtung Ausgang begeben soll. Er sträubte sich zwar etwas, gehorchte mir aber schlußendlich, während ich mich vorsichtig, ebenfalls in Richtung Ausgang begab. Mit meiner Fusionswaffe aber, gab ich meinem Sohn, Feuerschutz. Die Geräusche wurden lauter, und ich fing mich an zu beeilen. Ich konnte nicht genau sagen, von wo sie kamen, weil sie in den Gängen aus jeder Richtung zurückhallten. Ich nahm aber heraus, daß es Fortbewegungsgeräusche waren. Jemand oder etwas war offensichtlich sehr darauf bedacht, uns schnell zu erwischen. Ein Begrüßungskomitee wars sicher nicht. Die Halls wurden immer weniger – das Geräusch immer lauter, sodaß ich fürchtete, nicht mehr zum Ausgang gelangen zu können. Also blieb ich hinter einer Kreuzung stehen und schaltete meine Taschenlampe aus. Julian schien den Geräuschen nach zum Glück schon den Ausgang erreicht zu haben. Das Geräusch wurde sehr leise – bis ich es nicht mehr hörte.
Plötzlich aber packte mich was an den Arm, und schleuderte mich mit immenser Kraft zu Boden. Ich zückte meine Waffe, und schoß in jede Richtung. Schatten von unzähligen Monstern warfen sich an die Wände. Ein oranger Strahl jedoch kam von einem dieser Monster – wie ein Reflex, auf meine Geschosse. Hielt aber dann inne.
„Aufhören !“, schrie eine Stimme, dieser vielen Monster, und ich schaltete meine Taschenlampe ein. Die vielen Schatten , die vorhin noch dutzende Ungeheuer gebärten, klärten sich zu einem Wesen: Cer, mein Freund.
Der Schreck fuhr mir durch die Knochen, da ich ihn fast getötet hätte. Von Weitem hörte ich Julian durch die Gänge stolpern. Er rannte um mir zu helfen.
Ich aber mußte anfangen zu lachen. Zeitgleich mit Cer. Julian aber blieb mit großen Augen und einer Fusionswaffe in der Hand, stehen, und war sprachlos. Schaute auf uns, während er auf Cer die Waffe gerichtet hatte. Schnell aber richtete er den Lauf zum Boden, und steckte die Waffe in seine Weste.
Nachdem wir uns alle wieder besinnten, fragte ich Cer, wie er mich denn erkannte in der Dunkelheit...
„Also der, der bei 20 Schüssen kein einziges Mal aus 2 Metern Entfernung trifft, kann nur Ingenieur Daniel Houston sein.“, sagte er scherzend, und ich drohte ihm darauf sporadisch mit der Hand. Es war trotz des etwas holprigen Anfangs, ein schönes Wiedersehen.
„Wie kommts aber, daß du hier bist ?“, fragte ich, die Frage aller Fragen.
„Eine laaange Geschichte.“, kam es von ihm. Es schien, als ob er noch die Gedanken schlichten wollte, ehe er diese Geschichte erzählte. Währenddessen meinte ich zu Julian, er solle unser restliches Gepäck holen, damit es nicht den Raubtieren zum Opfern falle. Überraschenderweise sträubte er sich nicht dagegen. Nach kurzem Grübeln, wußte ich auch wieso : auf dem Weg könnte er sich das Schiff genauer anschauen.
Julian kam wirklich lange nicht – ich mußte ihn mit Troll herholen lassen.
Als er eintraf, meinte Cer kurz : „Ok, kommt mit, ich will euch die Geschichte nach und nach erzählen.“
Den dunklen Gang mit den vagen Lichtern von uns beleuchtet, gingen wir durch die schrägen langen Gänge des gespenstischen Raumschiffs. Hier und da, bemerkte ich seltsam anmutende Löcher in den Wänden. Schmutz und Verbrennungsrückstände waren überall anzutreffen. Es wirkte mehr, als sei das Raumschiff schon vor 10 Jahren abgestürzt, als vor Zwei. Cer schien sich sehr zielstrebig und geschickt, in den schrägen Gängen, fortzubewegen. Ich und Julian hatten mehr Schwierigkeiten.
„Wo ist die Besatzung ?“, fragte ich Cer, noch ehe er mit seiner Geschichte anfangen hätte können.
„Sie ist tot – ich habe sie im Bugteil des Schiffes beerdigt. Ich meinte, soviel sei ich den Humanoiden schuldig.“, meinte der Insektoid.
„Das hast du richtig gemacht !“, dankte ich ihm, für die Wahrung menschlicher Sitten. Ich wußte, daß Klackons normalerweise die Leichen als Baumaterial weiterverwenden. Es war sicher eine Überwindung für Cer, seinem Denken zu wiederstehen, Leichen durch Nützlichkeit eine Ehre zu erweisen.
„Nun gut, ich fange mal an...“, meinte Cer plötzlich, und begann zu erzählen : „Es war nicht einfach – der Weg zurück. Durch den Zeitanomaliesensor der Gitterwesen konnten wir zwar zu den Emoni zurück...“
„Was sind die Gitterwesen ?“, warf Julian rein, und ich winkte seinen Einwurf energisch ab.
Cer merkte dies, und redete weiter : „...nun, als wir bei den Emoni waren, dauerte es Wochen, bis wir einen Weg fanden, den Zeitanomaliesensor so zu konfigurieren, daß wir in unserer Zeit landen. Wir mußten Janes Sabotage als Muster für unsere Kalibrierungen nehmen. Wir erfuhren in der Zeit viel von den Emoni. Sowohl diese Erkenntnisse, als auch die der Alternativen eines Zeitanomaliesensors, wurden vom Forschungskomitee als Verdienst Freemans angesehen. Freeman stieg um zwei Forscherstufen, sodaß er sein eigenes Forschungsschiff bekam und von da an, eigene Missionen zusammenstellen durfte. Ich wurde für meine Verdienste zum Abteilungsleiter befördert. Er bekam ein sehr hohes Ansehen, und seine Projekte wurden immer kühner. Als eine seiner größten Missionen sollte die Jetzige werden. In Dieser wollte er einer großen Masse von jungen Forschern den „Gitterkomplex“ zeigen. Insgesamt 15 000 Forscher sollten an diesem Ereignis teilhaben, mit dem gewohnten Zwischenstop bei den Emoni...“
„Was 15 000 Forscher sind tot ?“, kam es mir unwillkürlich und erschreckt von den Lippen.
„Nun, nein...nicht ganz...oder sagen wir, noch nicht...laß mich weitererzählen, Dan.“, sagte Cer, und fuhr fort: „...mir war zufällig der Posten auf A5 , der Artemis gegeben worden. Ich diente zwar schon zuvor einige wenigen Male unter Freeman, allerdings merkte ich da, ausser seinem gewöhnlichen Forscherehrgeiz nichts. Diese Forschungsmission sollte 4 Jahre lang dauern.Wir hatten schon die Welt der Emoni nach wenigen Wochen verlassen, als ich die Initialisierungsdaten der Sensoren überprüfte, um sicher zu gehen, daß sie richtig funktionierten. Und da fiel mir etwas interessantes auf : normalerweise hat jeder Sensor ja eine Varianz vom Idealwert. Das macht auch nichts – das ist normal. Doch beim Zeitanomaliesensor gab es nur Idealwerte ! Keine Varianzen. Daraufhin, ging ich in den Maschinenraum, und schaute mir den Zeitanomaliesensor genauer an. Ich nahm die Abdeckungen weg – und was sah ich : der Zeitanomaliesensor der Gitterwesen !“
„Was sollte daran aussergewöhnlich sein ? Freeman hatte halt den Zeitanomalie-Sensor der Gitterwesen wiederverwendet !“, meinte ich abtuend.
„Dan, du mußt wissen, daß Freeman mehrere Schiffe seit der Artemis hatte. Transportable Zeitanomaliesensoren wurden auch schon serienmäßig hergestellt. Wieso sollte Freeman darauf bestehen, den gleichen Zeitanomaliesensor zu haben, wie den, den er von den Gitterwesen so mir-nichts-dir-nichts erhielt ?“, sagte Cer auffordernd.
„Öhm, ich weiß nicht – sag du es mir.“, meinte ich denkmüde.
„Die 15 000 Forscher im Cryo-Schlaf, die erst beim Gitter erweckt werden sollten, geben dir vielleicht auch die Antwort ! Und Freeman, als Gitter-Apostel in unserer Welt, der er sich rechtlich herausschlug, die ausschließliche Zugangslizenz zum Gitter zu haben ? Puzzle für Puzzle setzte es sich in meinem Kopf zusammen, was Freeman bezweckte – und welchen Handel er mit den Gitterwesen gemacht hatte.“, sagte Cer, doch ich begriff noch immer nicht.
„Ich weiß nicht recht, worauf du hinauswillst.“, offenbarte ich ihn meine Verwirrung.
„Er wollte die Menschheit den Gitterwesen auf dem Silbertablett bringen ! Und das konnte er nur mit einem Gerät, daß die Gitterwesen dafür konzipierten !“, meinte Cer so verschwörerisch, daß es mir Angst einjagte.
„Welchen Beweis willst du dafür haben ?“, fragte ich ihn, ungläubig.
„Nun, ich war mir selbst nicht sicher, als ich diesen Gedanken ersann. Es war zu abstrakt – zu verwegen für einen Freeman, der an sich bei den Menschen ja nach Ruhm strebte. Ich mußte mir was einfallen lassen, um das Ganze zu verstehen – und das schnell. Von da an, beobachtete ich jeden Schritt Freemans sehr genau. Aber ich fand nichts aussergewöhnliches – und die Zeit lief mir davon – denn wir waren auf dem Kurs zum schwarzen Loch ! Abhören konnte ich Freeman nicht – das wäre aufgefallen. Ich suchte auch fieberhaft nach einem Komplizen. Aber da führte auch jeder Weg in eine Sackgasse. Ich bin eben kein Detektiv.“, sagte Cer, während ich ihm wieder ins Wort fiel...
„Ok, aber wieso gerade 15 000 Forscher ?“, fragte ich.
„Nicht gerade ein As in Biologie ? Sagt dir das Wort : genetische Degeneration etwas ?“, fragte er mich, worauf ich angerötet nickte. Sollte Freeman wirklich vorgehabt haben, die Menschheit als solche auszuliefern, so könnte aus 15 000 Individuen eine Art erhalten werden und gedeihen. Wohl dem Zwecke der Gitterwesen, die Beobachten können, wie ihre sogenannten „Bakterien“ sich entwickeln. Eine grausame Vorstellung die mir mit Ekel durch den Körper lief. Noch immer konnte ich mir aber nicht vorstellen, daß Freeman soetwas vorhaben hätte können. Dafür erschien er mir zu pazifistisch. Er war nicht der Verräter-Typ. Doch wer weiß, was ihm die Gitterwesen angeboten hatten ? Mein Kopf drehte sich vor Gedanken, und ich überließ es lieber wieder Cer, fortzufahren... während er uns half, bei den unwegsamen Stellen hinüberzuklettern. Das wirkte irgendwo schon ungewohnt menschlich an ihm. Aber es waren schließlich auch etliche Jahre vergangen...
Cer setzte unabhängig meiner gelegentlichen Abwesenheiten, in die mich das Geisterschiff bannte, fort :„...Ich vetraute nicht mehr den Überwachungskameras, sondern meinem klackonischem Gehör. Ich wußte, es waren überall im Schiff Körperschallmikrophone angebracht, um Vibrationen zu devibrieren. So richtete ich mein Augenmerk zu den Vibrationen im Maschinenraum – wo der Zeitanomalie-Sensor stand, und meine Befürchtungen bestätigten sich : die Schritte im Raum deckten sich nicht mit den Aufnahmen der Infrarotkamera. Es war sehr schwer auszumachen, welche Schritte wem gehörten. Ich fing an, viele Aufzeichnungen von Freeman durchzusehen, um seinen Schrittrythmus einzuprägen – die Art, wie er sich bewegt,und welche Geräusche dies auf dem Boden erzeugt. Nach zwei Wochen – wir hatten gerade vor kurzem euer Sternensystem passiert – da vernahm ich Freeman im Maschinenraum, während ich an meiner Konsole arbeitete. Ich hörte genauer hin – doch die Ohrhörer täuschten mich nicht. Es waren eindeutig Freemans Schritte. Sicherlich konnte auch eine Sicherheitsinspektion von ihm durchgeführt werden – doch so kennen wir Freeman nicht. Er läßt die Arbeit immer von anderen machen. Nun ich machte mich unauffällig zum Maschinenraum auf, von dem ich immer weniger Schritte hörte. Wohl leerte er den Raum, aus welchem Grunde auch immer. Am Wege jedoch wurde ich von vier Sicherheitskräften aufgehalten. Ich sah meine Vermutungen bezüglich Freeman spätestens zu diesem Zeitpunkt als bestätigt. Sie meinten, ich sei eine Gefahr für die Mission, und müssen mich festnehmen. Ich versuchte ihnen die Lage zu erklären, doch sie hörten nicht auf mich. Also versuchte ich sie auszuschalten. Nun ja – eben bewußtlos zu schlagen. Doch sie hatten Fusionsgewehre bei sich, mit denen sie mir einen Arm abrissen, und ein Bein verletzten. Ich floh also, Richtung Maschinenraum, wo jedoch alle Zugangsschotten geschlossen waren. Danach versuchte ich mich zu teleportieren, doch eine Art Kraftfeld ließ mich stets nur einer Schotte landen. Auch die Lüftungsschächte waren verschlossen dahin. Ich riskierte es also, indem ich mich in ein Kühlsystem zwang, mich der heißen Wasserströmung entgegenkämpfte, um so in den Maschinenraum zu gelangen. Lange hätte ich es sicher nicht ausgehalten in der Brühe – wäre ich nur einmal abgerutscht, oder zu lange gefangen an einer Stelle, wäre ich zugrundegegangen. Ich erwischte Freeman, als er am Zeitanomaliesensor umkalibrierte. Ich fragte ihn, was er mache. Er jedoch hielt mich mit seiner Waffe in einer Ecke, während er weiter am Zeitanomaliesensor werkelte. So wie ich sah, gab er bestimmte Codes für Raum-Zeit-Berrechnungen ein.Wieso dies gerade jetzt sein mußte, wo wir so weit vom schwarzen Loch entfernt waren, wußte ich nicht. Aber es schien Freeman wichtig und dringend zu sein. Ich sah meine einzige Chance darin, wieder das Kühlsystem zu benutzen, indem ich es zerstörte. Schnell stand der ganze Maschinenraum unter Wasser, und ich konnte Freeman angreifen. Dabei entstand ein Gerangel um die Waffe, bei der er versehentlich öfter den Zeitanomaliesensor traf, von dem ja die Abdeckung abgenommen war. Der Sensor kollabierte – und einige Schotten öffneten sich automatisch, um die Explosion mit den übrigen Teilen des Schiffes abdämpfen zu können. So wurde ich in irgendeinen Gang gespült. Die Artemis jedoch hatte schwere Schäden am Antrieb bekommen. Ausserdem hatten fast alle Systeme keine Kühlflüssigkeit mehr. Dadurch erhitzte sich das Raumschiff immens, sodaß ein Großteil der Besatzung gleich am Anfang starb. Zumindest lebte keiner mehr auf der Brücke, als ich dahin kam. Wie ich an meiner Konsole sehen konnte, hatten sich einige in Schutzräume begeben können. Der Weg zu den Fluchtkapseln blieb ihnen jedoch versperrt. Wieso sie die Teleporter nicht benutzen konnten, konnte ich nicht mehr ergründen. Ich konnte einen Raumanzug anziehen, bevor es mir zu heiß wurde. Ich hoffte, daß dies auch die in den Schutzräumen taten. Immer mehr Systeme fielen aus, sodaß am Ende das Raumschiff nicht mehr steuerbar war, von den Schutzräumen aus. Ich versuchte auch auf der Brücke mein Bestes zu geben, doch auch ich hatte keinen Einfluß mehr auf die Navigation. Mir fiel aber ein, daß die Lüftungsschächte ebenfalls unter Druck standen, welche weiters Luken zum All, zur Dekompression aufweisen. Ich nutzte dies, um die Ausrichtung des Schiffes zu ändern. Weiters nutzte ich die Waffen, um die Flugrichtung zu ändern. Euer Planet war unsere einzige Rettung. In den zwei Wochen, wo das Schiff zu eurem Planeten flog, starben die meisten die noch überlebten an Nahrungsmangel. Ich versuchte in dieser Zeit einige sporadische Reparaturen durchzuführen, um einige Systeme wieder zum Laufen zu bringen...“
„Vulkun“, platzte Julian in Cers’ Erzählung.
„Was ?“, fragte Cer verwundert.
Ich korrigierte Julian : „Vulkan heißt dieser Planet, wie oft soll ich dir das noch sagen ? Und laß Cer zu Ende reden !“, und entschuldigte mich bei Cer.
„Vulkuan klingt aber abgefahrener !“, meinte Julian, dem verwunderlicherweise die Ereignisse die Cer erzählte nicht berührten. Ich antwortete ihm, indem ich ihn einen grimmigen Blick zuwarf, worauf Julian wieder innehielt.
So setzte Cer fort : „Die Energie des Schiffes reichte am Ende leider nicht mehr für die Waffen, sodaß ich einen sehr genauen Kurs in die Atmosphäre vorplanen mußte. Die Trägheitsdämpfer verlagerte ich ausschließlich auf die Cryostation, wo schließlich noch 15 000 Menschen zum Leben erweckt werden wollten. Auch die Lebenserhaltung schaltete ich im ganzen Schiff ab, und nahm auf mich, daß dies einigen das Leben kostete. Ich begab mich kurz vor dem Aufschlag ebenfalls zur Cryostation, und überlebte überraschenderweise den Absturz. Von der Cryostation haben auch gut 10 000 Menschen überlebt – die ich jedoch mit den Mitteln des Raumschiffs nicht mehr zum Leben erwecken kann. Ich versuche sie daher so lange, wie möglich im Schlaf zu halten.“, erzählte Cer, und mir stockte der Atem.
„Sie leben also noch ?“, fragte ich hoffend, während ich ungläubig in die leeren dunklen Gänge blickte.
„Ja sie leben.“, antwortete Cer, „ doch ich weiß nicht, wie und woher ich die nötige Energie aufbringen könnte, um sie zu erwecken. Mittlerweile aber habe ich sogar einige kleinen Systeme des Schiffes zum Laufen gebracht. Unter anderem habe ich auch das private Logbuch von Freeman anzapfen können. Der Zeitanomaliesensor wäre das Tor zu den Gitterwesen gewesen. Er brauchte, wie ich las, nicht einmal zum schwarzen Loch kommen, wie ich anfangs vermutete. Es konnte irgendeine Stelle sein...“
„Ok, ok, ich glaub dir schon Cer.“, sagte ich, und Cer schien beruhigter zu atmen. Obwohl er zu keiner Gestik fähig war, sah ich es ihm an, daß er die ganze Story, mit einem schlechten Gewissen erzählte – wie eine Rechtfertigung. Cer war kein Dummkopf. Ich wußte, er würde nicht ohne Grund sein Leben in Gefahr bringen – ja das ganze Schiff, wenn er nicht voll und ganz von seiner These überzeugt war. Und seine Thesen mußten schon immer mengenweise Beweise haben, die kaum einer durchblicken konnte. Ich konnte zwar noch immer nicht ganz glauben, was genau ihm so sehr überzeugt hatte davon, daß Freeman ein Verräter wäre. Andererseits, war dies eine Antwort darauf, wie Freeman so einfach an den Zeitanomaliesensor kam – wieso uns überhaupt die Gitterwesen so leicht fort ließen.
„So wir sind da...“, sagte Cer.
„Ehm, wo ?“, fragte Julian, und blickte mit mir in ein Gewirr von Höhlungen in einer riesigen Halle, die bizarre Schatten durch unsere Lichter, formten.
„Aja, entschuldigt. Ich war nicht darauf bedacht, meinen Unterschlupf menschlich zu gestalten...“, sagte er, und verschwand schnell in diesem Löcherwerk. Kurz hörte ich das Krabbeln seiner Beine und Arme – er mußte sich unglaublich schnell in diesem Komplex den er schuf, fortbewegen. Bald war er da, mit einem Gerät in seiner Hand...
„Wo sind wir hier ?“, fragte ich ebenfalls, mit der Absicht zu erfahren, in welchem Teil des Schiffes wir uns befanden.
„Lagerhalle Eins, aber das ist nicht so wichtig – kommt weiter, es ist gleich da vorne...“, sagte er, und ging nun mit uns auf der schrägen Bodenebene, um uns zu leiten.
„Woow.“, kam es aus Julian herausgeschossen...“...das hast alles du gemacht ?“, meinte er zu Cer. Ich blickte mit einem entschuldigendem Blick zu Cer, daß ich Julian das Siezen nicht beigebracht habe. Er machte einen Wink, als ob es ihm nicht um diese Kleinigkeit gehe.
Er führte uns an eine robuste Stahlwand. Sie war zusammengebaut aus Wrackteilen, wie ich sehen konnte. Sie schien eine Tür zu sein...
„Das sind die Schlafenden...“, sagte Cer ehrfurchtsvoll, und bediente das Gerät, daß er sich zuvor holte. Ehrfurchtsvoll vorm Leben, blickte er sie an – ich sah es ihm an, und bewunderte ihn dafür.
Langsam öffnete sich die große Metallplatte, und bläuliches Licht flutete unsere Umgebung. Julian staunte, wagte aber nicht mehr, seine kindischen Fragen zu stellen. Cer konnte eben als Klackon nicht mit Menschenkindern umgehen. Bei seiner Rasse werden schließlich schon die Kinder wie Erwachsene behandelt – sowie sie irgendeine Last tragen können. Barbarisch, aber effektiv...
„Ich muß sie retten... Alle... ich darf sie nicht sterben lassen. Es ist alles meine Schuld. Ich darf sie nicht sterben lassen...“, murmelte Cer dauernd, während er auf dieses Meer von Glastruhen blickte, welche bläulich leuchteten.
„Wir werden sie retten !“, sagte ich zu ihm, während ich ihm ermutigend meine Hand an seine Schulter legte.



  
Harry Potter und der Halbblutprinz. Band 6. Frühstücksausgabe.
von J.K. Rowling,
Klaus Fritz
Siehe auch:
Harry Potter and the Half-Blood Prince (Harry Potter 6)
von J.K. Rowling
Tintenblut
von Cornelia Funke
Harry Potter und der Orden des Phönix. Bd.5.
von Joanne K. Rowling
Harry Potter und der Halbblutprinz. Band 6
von J.K. Rowling, Klaus Fritz (Übersetzer)
 
   
 
     

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