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Gefangen und frei

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Gefangen und frei (Teil 2)

Die ganze Nacht verlief mit dem Gespräch, wie man die Schlafenden reanimieren könnte. Etwas Mitleid hatte ich mit Julian, der in unserem technischem Gespräch kaum was verstehen konnte. Er hatte sich den Ausflug sicher anders vorgestellt. Aber nun ging es um Menschenleben, und da mußten Julians Abenteuersüchte entwertet werden...
„Wie stehts mit Kondensatoren ?“, fragte ich nach vielen Stunden fachsimpeln, wo Cer mir die Problematik der Cryostation verdeutlichen konnte.
„Nein, alle Kondensatoren sind beschädigt und zerstört. Auch die der wenigen Waffen, die wir an Board hatten.“, meinte er in einem Ton, als hätte er sich auch schon darüber Gedanken gemacht.
„Und wenn wir einen...“, fing ich wieder an, doch Cer schnitt mir wieder den Satz ab...
„Nein, geht auch nicht. Die Ausgangsleistung muß genau kalibriert sein. Wir können da nicht basteln. Es wird den Schlafenden töten.“, meinte Cer. Zumindest hatten wir uns geeinigt, den riskanteren und unüblichen Weg zu wählen : die Schlafenden nacheinander aufzuwecken, und nicht auf einmal. Die Cryotruhen waren natürlich verbunden, wie immer, sodaß Energieschübe auf einzelne Teile sich auf andere Truhen auch auswirken. Cryostasis war zu meinem, und zu Cer’s Pech, nicht unser Spezialgebiet. Ich erinnere mich, wie beiläufig das auf der Weltraumakademie für Astrophysik durchgenommen wurde. Cer hatte sich auch erst in den beiden letzten Jahren durch Zugriff auf den Schiffscomputer, damit vertraut gemacht. George Wulowsky war also eindeutig der Erste, der reanimiert werden mußte. Laut der Schiffsdatenbank war er nämlich Professor der Cryostasis und Energietechnik. Er hatte auch von vier anderen Kandidaten die meiste Erfahrung, sowie Forscherpunkte.
Aber das „Wie“ war noch immer die Frage. Plötzlich schoß mir ein Gedanke durch den Kopf.
„Hey, Cer – die Shuttles, die haben doch auch Kondensatoren !“, sagte ich begeistert zu ihm.
„Ja, die sind aber alle zerstört. Und die Fluchtkapseln taugen nichts.“, meinte er demotiviert.
„Ja, aber wir brauchen doch nur ihre Kondensatoren !“, entgegnete ich ihm.
„Unmöglich aus einem Schiffssystem einen Kondensator zu extrahieren. Er ist auf dasjenige Schiffssystem gefertigt worden.“, meinte er.
„Hmm...vielleicht – aber du unterschätzt Troll.“, sagte ich ihm.
„Troll ?“, meinte Cer fragend, worauf die Glaskugel zu ihm kam.
„Werde ich gebraucht ?“, meinte Troll in einem unschuldigen Ton.
„Ja, womöglich als Retter von 10 000 Menschen“, sagte ich zu ihm – noch immer begeistert. Ich wollte zu gerne an dieser Idee festhalten.
„Ok, ok, selbst wenn Troll helfen kann. Die Kondensatoren eines Shuttles reichen unmöglich, um eine Cryotruhe zu reanimieren....ok ok, es gibt ja mehrere Shuttles – aber wer sagt, daß all ihre Kondensatoren einwandfrei funktionieren ?“, meinte Cer.
„Aha, und einen Ersatzteilraum habt ihr hier nicht ?“, fragte ich ihn, neckend.
„Achja, wirklich.“, sagte Cer, fast schon überrascht. Wohl hatte dieser Raum für ihn nie eine Bedeutung gespielt.
„Nun gut, es wird dennoch dauern, bis die noch vorhandenen Schiffsaggregate die Kondensatoren aufladen können. Bei 10 000 Menschen brauchen wir eine Ewigkeit.“, meinte Cer, der das Ganze noch immer nicht als funktionsfähigen Plan ansehen konnte.
„Wir haben auch einen Generator zu Hause...“, sagte ich und fügte dazu : „...Troll könnte den Generator innerhalb einer Stunde sicher hierher bringen.“
„Und du meinst das verkürzt die Zeit erheblich ?“, meinte Cer zweifelnd.
„Nun ja, die ersten Hundert hätten wir dadurch in einigen Wochen vielleicht fertig.“, sagte ich zu ihm.
„Das heißt also vier Schlafende pro Tag ?“, fragte Cer grübelnd.
„Ja, geht sich womöglich aus. Ich denke schon...“, meint ich zu ihm ermutigend.

Julian wurde von Troll am nächsten Morgen nach Hause getragen. Ihm mißfiel das. Auch wenn er zu den Schlafenden kaum einen Bezug setzte, so wollte er sich doch das Raumschiff durchnehmen. Ich aber wußte nicht, wofür er nützlich hätte sein können. Er hätte sich nur ungeahnten Gefahren im Schiff ausgesetzt. Das wollte ich nicht riskieren. So streitete er zwar den ganzen Vormittag mit mir, jedoch blieb es bei meinem festen Entschluß.
Ich hatte mich auf ein großes Vorhaben eingelassen. Nämlich, 10344 Menschen, und wohl auch Außerirdische zu retten.
„Das ist der Hangar ?“, fragte ich Cer, der mich in einen v-förmig zerquetschten Raum brachte.
„Ja, das ist er, laut Schiffskarte.“, antwortete Cer gelangweilt. Ich hatte das Gefühl, daß er noch immer nicht so recht an mein Vorhaben glaubte.
„Hmm...“, kam es aus mir, während ich mich umblickte im Gewirr von zerstückelten Wandplatten, und verdrehten und geborstenen Metallstangen. Die Decke hatte einen schrägen Riß, und man sah die Zwischenschicht zum nächsten Deck : Kabel, Röhren und Stangen. Der Boden war zum Glück nur verbeult , wies aber keine Lecks auf. Hier und waren Trümmer aus unteren Decks durch den Boden gebohrt. Die Raumschotten konnt ich nicht ausmachen, aber ich suchte schließlich auch nach den Shuttles. Erst eines, dann ein weiteres, und schließlich fanden wir sechs Shuttles, in der ersten Shuttlerampe. Davon war gerade mal eine einzige soweit in Ordnung, daß wir seine Kondensatoren gebrauchen konnten. So durchsuchten wir den ganzen Vormittag, alle acht Shuttlerrampen, wobei eine gänzlich zerstört war, und konnten fünf Shuttles brauchbare Shuttles finden. Diese hatten je zwei Kondensatoren. Cer brachte ausserdem vier Kondensatoren aus dem Ersatzteilraum.
Unsere Berechnungen ergaben, daß uns zwei Kondensatoren fehlten. Zum Glück aber konnte mein Generator etwa das Doppelte von dem was fehlte, leisten. Generator und Kondensatoren zu koppeln, würde jedoch sicher nicht einfach gestalten.
Wir warteten den ganzen Nachmittag lang auf Troll, denn nur dieser hatte genügend Hirnschmalz, um sich den Kalibrierungen der Kondensatoren und des Generators anzunehmen. Der Schiffscomputer spuckte nur ein Ergebnis heraus, welcher eine Varianz von 14 % hatte. Das konnten wir nicht akzeptieren. Damit würden wir jeden etwa jeden Dritten verlieren. Die Toleranzgrenze war nämlich unter 2 Prozent. Ich hoffte, Troll konnte diese Grenze unterschreiten.
Troll kam erst am späten Abend. Er begründete das damit, daß er Jane aufklären mußte über die Lage, und das das Gewicht des Generators seine Fluggeschwindigkeit beeinträchtigt hätte. Daran hatte ich gar nicht gedacht. Nun, man konnte nichts machen. Wir teilten Troll unsere Pläne mit, und er schloß sich an den Schiffscomputer an – besser gesagt, an das, was von diesem übrig war. Auch verband er sich mit dem Steuermechanismus der Kondensatoren, und begann zu rechnen. Wir ließen ihn in Ruhe, und beschlossen zu schlafen. Es war alles in allem nämlich doch ein anstrengender Tag, sich durch so ein demoliertes Schiff zu bewegen.

Am nächsten Tag, präsentierte Troll uns ein Energieprofil, welche unter 0,5 % Varianz kam. Das versetzte uns beide in Staunen. Cer fragte kurz, wie er dies geschafft hätte, doch es wäre besser gewesen, wenn er dies nicht getan hätte. Troll liebte es seine Errungenschaften in Komplex- und Neomathematik zur Schau zu stellen. Nach 5 Minuten mußte Cer aufgeben. Ich mußte anfangen zu lachen, und war auch irgendwo stolz auf Troll.
Troll gab uns während des Reanimierens unseres ersten Kandidaten ziemlich komplizierte und genaue Anweisungen. Viele Dinge mußten wir gleichzeitig ausführen – manchmal sogar mit gleicher Geschwindigkeit. Es vergingen die Stunden, und ich dachte, es käme nie zu einem Ende. Jede Schraube die wir drehten, jeder Griff den wir machten, hatte keinen Einfluß auf die Cryotruhe. Aber Troll schien genau zu wissen, was er tat, und er meinte, daß wir bisher alles richtig gemacht hätten. Zum Glück durften wir uns auch Pausen erlauben. Troll hätte alles wohl selber gemacht – manchmal erschien es mir nämlich, als hätte er mit mir und Cer Mitleid gehabt, doch er hatte schließlich keine Arme und Beine.
Die letzte Phase war die Schweißtreibendste. Die, die am genauesten durchgeführt werden mußte. Einmal, da hätte ich das Ganze fast verpatzt.
„George, ich hoffe du weißt, was wir hier für dich geleistet haben...“, sprach ich, wenige Augenblicke, nachdem Troll das Zeichen gab, daß es geschafft sei.
Die Cryotruhe gab, wie gewohnt einen Spalt frei, wo das metallische Helium fast explosionsartig rausschoß. Zurück blieb der nackte Körper, umhüllt von einer dunkelblauen zähen Flüssigkeit, die, wenn die Reanimierung richtig verlief, innerhalb 5 Minuten sich auflösen mußte. Gespannt schauten ich und Cer auf die Uhr. Als die 6. Minute schlug, fing, zum Aufatmen aller, die Substanz an, sich aufzulösen. Vielleicht war alles nicht gerade nach Vorschrift gemacht, aber wenigstens nicht ganz falsch.
Wir gratulierten einander. Hätten wir Sekt gehabt, hätten wir sicher angestoßen. So bliebs bei Wasser. Meine Freude war ungeahnt groß. Fast so groß, wie bei der Geburt meines ersten Kindes. Wohl niemand hätte für möglich gehalten, daß man manuell jemanden aus dem Cryoschlaf reanimieren kann. Wäre das in unserem bekannten Universum geschehen, wäre das sicher als eine Art Triumph der Cryoforschung angesehen worden. Aber man hätte ein derartiges Unterfangen sowieso nie bewilligt...
„Mein Gott, was ist das da !!“, schrie Professor Wulowsky nachdem er erwacht war.
„Nun, wenn sie erlauben, daß war die Bastelei, die ihnen das Leben gerettet hat.“, sagte ich ihm scherzend.
„Ich sehe schon selbst, was diese Monsterapparatur bezwecken soll – sind sie ganz von Sinnen ?“, schrie der Professor weiter. Ich und Cer ließen ihn eine Weile schreien, bis er innehielt...
„Mein Gott, was ist hier geschehen ?“, meinte er zitternd.
„Troll, du hast Cer’s Ausführungen aufgezeichnet ?“, fragte ich meine Glaskugel.
„Ja Dan, habe ich.“, antwortete er mir.
„Gut, dann unterrichte Professor Wulowsky davon...Professor Wulowsky, wenn sie erlauben, würden wir uns nun gerne ausruhen, es war ein harter Tag...Achja, und Bitte, keine Ursache, wir haben ihnen gerne das Leben gerettet.“, sagte ich. Der Professor sah es mir an, daß ich zu einer ganz anderen Welt schon gehörte, wo ich mich um alles andere, als um die Sitten kümmern mußte, seine Ex-Authorität anzuerkennen.

Wulowsky hatte den ganzen gestrigen Abend mit Troll durchdiskutiert. Kein Wunder, er hatte ja genug geschlafen. Wie dem auch sei. Bei ihrer Diskussion kamen sie zu einer Optimierung des Reanimationsprozesses. Wulowsky bestand heute darauf, selbst die Leitung der Reanimation zu übernehmen. Ich schritt ihm jedoch dagegen. Ohne Troll wäre er sehr wahrscheinlich gestorben. Troll hatte wesentlich mehr Fähigkeiten, was das Auswerten von Situationen anbelangte. Ein Streit entbrannte. Troll war natürlich unparteiisch. Cer war auf meiner Seite, und so entschlossen wir, daß Wulowsky uns einmal zusehe, wie wir’s unter Troll machen. Ausserdem würden nun ja sowieso seine Vorschläge einfließen. Wenn wir es seiner Ansicht nach nicht gut genug machen, dann machen wir es nach seiner Leitung. Danach kann Troll die beiden Male vergleichen, und ein objektives Ergebnis mitteilen. Mir war das zwar etwas unmenschlich, einen Wettbewerb aus Reanimation zu machen, doch Wulowsky wollte es offenbar nicht anders. Mir war er von Anfang an unsympathisch, aber was solls. Cer wiederrum merkte seinen miesen Charakter nicht. Vielleicht konnte ihm mittlerweile nichts mehr erschrecken, wie Menschen sein konnten. Wulowsky bestand darauf, seine Kollegen als nächstes zu reanimieren. Darauf ließ ich mich, ohne Zweifel ein, denn zuerst muß eine Reanimationscrew geschaffen werden, die weiß was sie tut – die sich auskennt.
Die Reanimation verlief reibungsloser als ich dachte. Wulowsky übernahm nach einer Weile sehr gut den Posten des Leiters, auch wenn ich ihm eine Leiterposition weder zutraute, noch gönnte.
Ein weiteres Problem aber bahnte sich an. Dies war Cer eingefallen, und leider erst nach Wochen. Nämlich die Nahrung. Die Replikatoren funktionierten schließlich nicht, und es war unverantwortlich viel Energie notwendig, um eine in Betrieb zu nehmen.
Die Jagdtrupps, die ich zusammenstellte, kamen auch nur mit kärglichem Erfolg zurück. Es half nichts. Es mußten die ersten Auferweckten zu Jane geschickt werden. Und selbst bei ihr könnten sich wohl kaum mehr als 200 Menschen selbst ernähren.
Als wir diese 200 Menschen zu Jane schickten, und bei uns 500 Menschen sich ansammelten, wurde dieses Problem immer bedrängender. Keine Frage : die Reanimation mußte verschoben werden. Ein Rückschlag, wegen der Nahrung. Dies hätte ich vorher nie vermutet.
Es gab nur eine Möglichkeit : Nahrung in industriellem Ausmaß heranzuschaffen. In einigen Monaten konnten wir Boote bauen, und das Meer zum Fischfang erschließen. Die Ausbeuten ermutigten zur Hoffnung. Felder mußten angelegt werden – Bewässerungsanlagen. Leiter ernannt werden und Arbeiter zugewiesen werden. Das war nicht einfach, aber zum Schluße siegte die Vernunft.
Wir kämpften aber nicht nur ums Überleben. Wir kämpften auch für die noch Schlafenden. Es war ein Wettlauf gegen die Zeit. Die Schiffsenergien standen in immer geringerem Ausmaß zur Verfügung. Zwar brauchte man auch weniger, wenn nicht mehr soviele Cryotruhen mit Energie versorgt werden mußten, aber dennoch nahm die Schiffsenergie stetig ab. Öfters mußte Troll her – einen neuen noch effektiveren Plan der Organisation und des Managements erstellen, um die Schlafenden nicht zu verlieren. Es war ein Japsen um die Schlafenden. Es raubte allen ihre Kräfte. Als schlußends jedoch 6000 lebende Menschen mich umgaben, erfüllte mich dies mit Freude. Es war ein richtiges Dorf um die USS-Artemis entstanden. Beim Meer, etwa 20 Kilometer westlich von uns war ein Fischerdorf entstanden, und bei Jane ebenfalls ein kleines Dorf, aus etwa 1000 Menschen. Es waren nur noch wenige tausend Menschen zu erwecken – und es sah alles so aus, als würden wir es schaffen...
„Mister Houston, sie haben großartige Arbeit geleistet – sie sind nicht mehr so unentbehrlich hier. Wir kommen nun von alleine klar.“, meinte der Bürgermeister von Artemis, der einmal eine Forscherlegende war.
„Ja aber....“, wollte ich ansetzen, doch er legte vertrauensvoll seine Hand auf meine Schulter, und blickte mich tief an.
„Kommen sie... Ihre Familie wartet schon seit 3 Jahren auf sie. Sie kennen sie ja nur mehr von Troll.“, sagte er.
„3 Jahre ?“, sprach ich mit wanker Stimme. Ich konnte es nicht glauben. So schnell wären drei Jahre fortgelaufen ? In mir floß ein unangenehmes Gefühl hinein. Ein Gefühl, daß ich nicht wollte. Ein schreckliches Gefühl des schlechten Gewissens. Jane, Sylvia und Julian waren solange auf sich alleine gestellt. Mir warens wie wenige Monate vorgekommen. Schließlich gab es immer was zu tun... aber der Bürgermeister Louzon hatte recht : ich mußte unbedingt zurück zu Jane.
Obwohl es mir ungewohnt war, nahm ich ein Mammutgnu. Einigen war es tatsächlich gelungen, Mammutgnu’s zu zähmen. Sie konnten unglaubliche Lasten schleppen, und waren gut bei Schritt. Mir waren sie nie geheuer, zumal sie mir in der Vergangenheit schon mehrere Male zur Gefahr wurden. Sie sind schließlich nicht ausschließlich Pflanzenfresser. Nun gut, mit ihrer rüsselartigen Zunge schnappten sie bisher nur nach Kleintieren. Trotzdem waren sie mir nie geheuer. Aber meine Sehnsucht nach Gemütlichkeit gewann über der Angst, vor diesen Tieren.

„Daan ! Oh Dan, bist du es wirklich ?“, schrie Jane in ihrer Begeisterung, als sie mich erblickte. Müde stieg ich vom Mammutgnu herab, und warf ihr ein Lächeln zu. Sylvia blieb hinter ihrer Mutter stehen, und blickte mit großen Augen hinauf zum Mammutgnu.
„Ja, ich bins wirklich,“, sagte ich neckend , „wo ist denn Julian ?“, fügte ich hinzu.
„Später Dan.“, sagte sie mir mit ernstem Blick.
„Nein jetzt.“, hätte ich wohl früher gesagt, aber ich war froh, daß Jane mich mit offenen Armen aufnahm, und nicht wie einen reudigen Hund, der sie jahrelang vernachlässigt hatte.
Sie hatte wie gewohnt ein gutes warmes Abendessen vorbereitet. Es reichte für jeden... ja auch für den Chemieingenieur Thorst.
Jane erzählte, er sei zu einem Freund der Familie geworden, weil er meine Arbeit so bewundere. Ich konnte mir kaum ein Bild machen von diesem 20 Jahre jüngeren Mann. War wohl auch zu müde dafür. Mich störte lediglich, daß Julian nicht da war, und das Jane derart über ihn schwieg. Aber ich wollte den Abend nicht verderben, mit schlechten Gedanken. Jane war mir sicher treu geblieben, und Julian ging es sicher gut...

„Du sagst mir sofort, wo Julian ist.“, schrie ichs aus mir heraus, nachdem ich stundenlang den ganzen Vormittag mit Jane um den heißen Brei herumgeredet habe.
„Begreifs doch endlich : er will dich nicht sehen. Er hat sein eigenes Leben angefangen !“, fauchte Jane mich an.
„Gut...“, pustete ich, und kämpfte um Beherrschung...“...dann werd ich ihn ohne deine Hilfe suchen !“ , sagt ich zu ihr entschlossen. Ich fragte mich, wieso sie Julian derart beschütze vor mir – wo sie mich doch mochte. Oder verheimlichte sie mir etwas ?
Sie sagte mir noch Dinge nach – vielleicht Gutgemeintes, vielleicht auch Bösgemeintes. Ich achtete nicht auf Jane. Meine Wut war zu groß.
Die Menschen des Dorfes blickten mich an, als obs sonderbar wäre, daß man mit einer Frau sich streitet. Ich beachtete sie nicht. Ich mußte wissen, was es mit Julian auf sich hatte – wieso er Jane alleine gelassen hat. Einige wollten mich wirklich gutgemeint aufhalten, weil es mittlerweile wahre Houston-Fans gab. Aber ich ging zielstrebig weiter...
„Willow-City“, prangte es vor meinen Augen, als ich zur Dorfgrenze gelangte. Von Weitem sah ich Troll. Ja, er würde mir nun eine große Hilfe sein.
„Troll !“, schrie ich. Und er schien mich wahrgenommen zu haben, kam aber nicht sofort. Vermutlich leitete er Arbeiter gerade. Nach einer kurzen Weile erschien er vor mir.
„Troll, gut das ich dich treffe. Ich suche Julian, ich muß zu ihm. Du kannst sicher sagen, wo er ist...“, sagte ich zu ihm schnaufend vom schnellen Gang, den ich bisher an den Tag legte.
„Ja, ich weiß es, aber Jane...“, fing er an...
„Ich weiß, wie Jane denkt, aber er ist mein Sohn – hey, habt ihr euch denn alle schon im Hintergrund gegen mich verschworen ?“, meinte ich vorwurfsvoll.
„Na gut, ich sage dir, wo er ist. Es ist ein Tagesmarsch Richtung Südwest, entlang des Julianflußes...“, sagte er, und ich schnitt ihm ins Wort : „Julianfluß ?“
„Ehm ja, es ist ein kleiner Fluß, Julian hat ihn entdeckt – ist schwer zu finden. Du mußt direkt hinter dem Berg, Richtung 160, um ihn anzutreffen. Dort gibt es eine Lichtung – dort findest du den Fluß, dem du nur Richtung der Quelle folgen mußt...und dann...“, wollte er noch sagen, aber ich machte mich schon auf den Weg, und hörte nicht mehr auf das was er sagte. Ein Tagesmarsch solls sein – doch ich wollte Julian heute noch antreffen. Morgen würde ich schon zu sehr zweifeln an meinem Vorhaben. Man mußte Julian entschlossen begegnen – ich hatte eine Ahnung, zu welch hartem Burschen er sich mittlerweile entwickelt haben muß. Zeigte man Schwäche, hätte man schon verloren...
Die Lichtung fand ich nicht – aber den Fluß. Es war mittlerweile Nacht geworden, und es war äusserst schwierig geworden, sich im dunklen dichten Wald zu bewegen. Über manch Wurzel und Stein stolperte ich, aber, das machte mir nichts aus. Irgendwo wollt ich Julian auch überraschen. Sicher, es war albern, die Manneskraft in dieser Art unter Beweis zu stellen. Aber hier auf Vulkan, war alles anders. Wir alle waren gewissermaßen wieder in die Steinzeit katapultiert worden. Man mußte sich hier weniger Gedanken machen um das was albern ist, oder was peinlich ist. Soetwas gabs in dieser Welt nicht mehr. Hier gab es Gewinn oder Niederlage – Überleben oder Sterben. Einfache Gesetze, die selbst ein Tier verstand. Und wir waren Tiere hier. Julian war ein Tier, ich war ein Tier. Man verliert leicht das Menschliche, wenn man in der Wildnis ist. Das war mir erst jetzt bewußt geworden – wo ich den Kontrast zwischen den Dörfern, und dem Leben des Einzelnen erkannte.
In diesen Gedanken versunken bannte sich Licht durchs Blätterwerk : Julian.

„Du hier ?“, fragte Julian erstaunt. Ich antwortete ihm nicht sofort. Teils, weil ich gänzlich erschöpft war, teils weil ich mich in seinem Baumhaus zuerst umsehen wollte. Es war hell im Raum. Heller als bei uns sonst. Zwei Generatoren sorgten für den Strom. Viel Strom...
„Zwei Generatoren für dich allein ? Ich habe Leute im Dorf gesehen, da teilen sich zwei Häuser einen Generator.“, sagte ich zu ihm nörglerisch. Er achtete nicht auf diese Bemerkung, und ließ mich weiter umschauen.
Kochstelle; ein äusserst gemütlich wirkendes Bett; allerlei Waffen... er hatte es sich gut eingerichtet. Irgendwie egoistisch, wie ich fand. Er wollte einen Augenblick anfangen zu sprechen – wohl um all das zu rechtfertigen, doch dann hielt er dennoch inne, und schwieg.
„Jul...“, ertönte und stockte eine zarte Stimme. Sie blickte mich erschrocken an.
Ja, ein Geist stand wohl vor ihr – mit langem grauen Bart, schwitzend, und in Lumpen – um Halt kämpfend.
„Mein Vater, Daniel Houston.“, stellte mich Julian diesem Mädchen vor. Dieses aber blickte weiter starr mit großen Augen auf mich. Mich wunderte ihr Anblick, wo doch viele der Dorfbewohner mittlerweile ähnlich ausschauten. Nun gut, wahrscheinlich war der Moment unerwartet. Auch sie erschien mir als Geist. Ihre bleiche Hautfarbe teilten ansonsten nur gerade Reanimierte.
„Du scheinst gut für sie zu sorgen.“, urteilte ich vorschnell, und erblickte fast im selben Augenblick ihren vorgewölbten Bauch. Deswegen war sie bleich – deswegen wohl nicht soviel an der Sonne. Ich wollte mich bei Julian nun entschuldigen, doch er antwortete zu schnell...
„Ja, wir versuchen hier unsere Existenz aufzubauen.“, meinte er unleugbar zynisch. Seine Existenz – als ob ich ihn eine Existenz aufgezwungen hätte. Aber ich konnte ihm nicht widersprechen. Ja, irgendwo hatte er recht. Ich hatte mich um ihn nicht gekümmert – was sollte er also an der Familie noch teilhaben ?
„Deswegen verließt du also deine Mutter.“, sagte ich ihm, nun überlegter.
„Ja, ich wollte ihr mit Mia nicht zur Last fallen. Sie versteht das – sie liebt mich !“, meinte er wieder in einem mir unangenehmen Ton. Gerne hätte ich ihn in seine Schranken gewiesen. Nicht seine Freundin, die offenbar Mia hieß, hinderte mich daran – als viel mehr meine Erschöpfung, die mir kaum Gelegenheit ließ, zu denken. Nein, ich hatte auch nicht mehr den Elan wie früher. Ich machte mir nur selber was vor. Ich hatte den Streit satt ! Soll doch Julian leben, wie er will.
Ich bittete ihn um eine Schale Wasser. Er hielt inne, um seine Überlegenheit zu zeigen, die mir aber nicht imponieren konnte. Mia konnte es aber nicht mitansehen, und gab mir Wasser. Ich dankte ihr, und sie schien mich weniger als Schreckensgespenst anzusehen.
„Ich werde morgen wieder gehen...“, sagte ich Julian, um ihn zufrieden zu stellen.
„Gut.“,sagte er, verzog aber sobald das Gesicht, als ob er es nicht so schroff meinen wollte.
„Ich habe eine Matte dabei – ich brauch also kein Bett.“, sagte ich zu ihm wieder. Es war keine Vater-Sohn-Beziehung mehr zu spüren. Es war wie ein Dialog zwischen Fremden, den wir führten.
„Wir haben auch kein Bett zu entbehren.“, antwortete er.
Der Rest des Abends verlief ebenfalls still.
Am nächsten Morgen, war ich der erste der aufgestanden war. Ich blickte mich nochmal in Julians Haus um. Ich revidierte meine Anschuldigungen über ihn. Er schien ein verantwortungsbewußter Mann zu sein. Auch eine Vorratskammer hatte er angelegt, die immerhin halb voll war. Schuhe und Pelzkleidung waren für das Kind schon da. Ein Kinderbett war gerade im Entstehen. Gestern hatte ich das noch versehentlich als Müllstelle im Raum, gewertet. Scham überkam mich, und ich wollte mich unbemerkt aus dem Haus machen...
„Du gehst schon ?“, kam es von hinten plötzlich. Es war Julian. Das Knarren des Bodens hatte ihn sicher aufgeweckt.
„Ja – ich will euch keine Last sein. Ich war gestern töricht. Verzeih.“, sagte ich ihm. Es war ein verdienter Sieg von ihm. Ich hatte ihn ungerecht geurteilt.
„Nein du störst nicht – obwohl ich schon zugeben muß, daß gestern...“, meinte Julian, und ich lachte väterlich, und stimmte ihn zu. Trotzdem wollt ich gehen. Es war wirklich sein Leben – er war Flüge geworden. Früher als ich dachte, aber das war seine Entscheidung. Reif genug war er, wie ich merkte.
„Na, ich werd aber trotzdem gehen. Jane wird sich vielleicht Sorgen machen.“, meinte ich mit gebrechlicher Stimme, von den gestrigen Anstrengungen.
„Gut – ich werd dich ein Stück begleiten, wenn du willst.“, meinte er zwar mit kalter Stimme, doch ich wußte, daß er es aus Sorge um mich sagte.

„Vater ?“, fragte Julian mich am Weg.
„Ja ?“, erwiderte ich.
„Was ist das Gitter ?“, fragte er die Frage, von der ich immer Angst hatte, er würde sie stellen.
„Nichts... nichts was Wert ist zu wissen, mein Sohn.“, meinte ich zu ihm, und hoffte, daß er sich damit zufrieden gab.
„Aber die Artemis ist aus dem Grunde ja abgestürzt. Viele Menschen mußten für das Gitter ihr Leben lassen.“, meinte er, fast schon vorwurfsvoll, daß ich ihm seine Frage nicht genügend beantwortet hätte.
„Julian : das Gitter hat uns in all den Jahren – und es sind schließlich fast schon 20 Jahre, nichts anhaben können. Bitte kümmere dich also um diese Frage nicht. Wenn du die Antwort weißt, dann wird sie dich viel mehr stören, als die Frage. Glaube mir das, denn ich weiß die Antwort, und wünschte, ich wüßte sie nicht.“, sagte ich ihm.
„Hmm...“, kam es von Julian, und er versuchte sich mit meiner Antwort zufrieden zu stellen.
„Ich bin sehr zufrieden und stolz auf dich Julian... wie alt ist denn Mia ?“, fragte ich.
„15“, kam es von Julian. Nun zweifelte ich an meinem vorig Gesagtem. Ob 15 das richtige Alter sei, sich einem Leben in der Wildnis auszusetzen ?
„15 ? Unglaublich. Hätte nicht gedacht, daß auch 15-Jährige auf so eine Mission mitgenommen wurden.“, meinte ich überrascht.
„Nun ja, es ist die Tochter von James und Rita Thorst. Sie beide sind Forscher auf dem Gebiet der Chemie – sie wollten Mia nicht alleine zu Hause lassen, also nahmen sie sie mit auf die Artemis.“, antwortete Julian.
„Achso, der Thorst, der Jane....“, fing ich an.
„Genau der. Jane lernte sie durch mich kennen, und seitdem sind die drei beste Freunde...“, antwortete Julian.
„Mist...“, kam es aus mir heraus.
„Wieso ?“, fragte Julian.
„Nun ja...ich dachte dieser Thorst und Jane...naja, du weißt schon...“, sagte ich ihm, vor Scham errötend. Ja man mußte sich schämen, in diesem hohen Alter noch derart dumme Fehler zu machen.
Julian mußte laut auflachen. Zum Glück nahm er dies, wie ein Teenager. Zum Glück habe ich mich bei Thorst beherrscht.
„Was wirst du jetzt machen ?“, fragte Julian neugierig.
„Das sollt ich eigentlich dich fragen – aber ich weiß es nicht. Jane und Sylvia benötigen mich noch – und Willow-City vermutlich auch. Und danach, wer weiß was das Leben noch bringt...“, antwortete ich ihm.
„Aha... Nun ich werde auf Vulkun mit Mia ein schönes Leben verbringen. Trotz dem, daß ich das mich das mit dem Gitter bohrt.“, sagte er neckend.
„Deinen Sprachfehler also hast du noch immer...“, sagte ich scherzend zu ihm...
Wir freundeten uns an diesem Vormittag wieder an. Es war ein gutes Gefühl – auch wenn alles sich so schnell ereignete, an diesen beiden Tagen. Vielleicht hat es nie wirklich die Differenzen zwischen uns so gegeben, wie ich sie sah...wer weiß...
Die Sonne neigte sich giftgelb bis orangelich zum Horizont. Als ich auf einen Hügel kam, sah ich schon die fernen Lichter von Willow-City. Sie alle, außer Jane, kannten nicht die Wahrheit. Sollten sie nie kennen. Julian war zwar ehrgeizig, aber es war unwahrscheinlich, daß er je Kontakt zum Gitter würde herstellen können. Wohl nicht einmal seine Enkel würden das vollbringen... Doch wer weiß, vielleicht würde das Gitter sich ja melden. Ein beängstigender Gedanke durchlief wie ein kalter Schauer, meinen Körper. Hatte Cer zweifelsfrei recht ? War es wirklich notwendig für Freeman, durch den Zeitanomaliesensor zu den Gitterwesen zu gelangen ? Schließlich taten wir es beim ersten Mal auch nicht so. Ausser der Tatsache, daß der Zeitanomaliesensor noch von den Gitterwesen stammte, verband ihn nichts mit ihnen. War Cer wirklich im Recht ? Und wenn nicht, hatte er eine Torheit begangen, oder hatte er etwas bezweckt ? Und wenn Letzteres stimmte, was hatte er dann bezweckt ? Cer war mir einfach die Antworten schuldig. Nicht nur mir, sondern den 10 000 Menschen ebenso, die im selben Glauben waren, wie es mir Cer weißmachte. Wir alle waren in einer großen Lüge gefangen. Ja, so wie wohl ich Julian in einer Lüge gefangen hielt. Doch dies war was anderes.... war es das ? Ich wußte es nicht mehr. Kannte Cer überhaupt die Antworten, oder war er selbst Gefangener einer großen Lüge – eines Irrtums ? Ich mußte zu Cer – so schnell wie möglich....
Diese Gedanken – diese Fragen... doch,ich war zu erschöpft, um zu denken. So schlug ich mein Lager vorher auf, als notwendig, und legte mich schlafen.

„Mr. Houston, sie ? Was verschafft uns denn die Ehre ?”, fragte der Stellvertrettende Bürgermeister, als ich das Verwaltungshaus betrat.
„Ich muß zu Cer... sofort !!“, forderte ich keuchend, ohne ihn zu grüßen, oder sonst eine sittliche Geste zu präsentieren.
„Achso, sie wissen es schon ?“, meinte der Stellvertrettende Bürgermeister überrascht.
„Wissen was ?“, fragte ich energisch, denn nicht wegen ihn war ich ja da.
„Nun, Cer liegt auf der Krankenstation. Es geht ihm nicht gut. Der Arzt befürchtet....“, meinte er, und ich schnitt ihm das Wort ab...
„Wo ist die Krankenstation ? Dort wo’s früher war ?“, schrie ich ungeduldig, worauf er eingeschüchtert nickte. Er schrie mir noch irgendwas nach, worum ich mich aber nicht mehr kümmerte.
„Cer...“, fing ich in dem ehemals holzverkleideten, und nun weißlich schimmernden Raum an.
„Cer !!“, wiederholte ich lauter, und der Arzt griff mir an meine Schulter, um mich zu beruhigen, doch ich schüttelte ihn wütend ab. Cer machte eine Bewegung. Ob er wach war, oder schlief, sah man ja nie an seinen Facettenaugen. Er mußte wach sein !!
„Cer, du hast mich angelogen !!“, sagt’ ich ihm. Bewußt vermied ich das Wort „uns“ – denn ich wollte nicht, daß das alle Menschen Verdacht schöpfen.
„...das mit Freeman – hörst du ?“, meinte ich fordernd. Er aber rekelte einige seiner Gliedmaßen nur, und machte eine Haltung, als ob er mich nicht sehen wolle.
Der Arzt, und eine Schwester, wollten mich auch leicht wegziehen, doch ich schrie sie an : „Verdammt, lassen sie mich loos !“, worauf beide innehielten.
„Cer, als Freund – sag mir die Wahrheit. Egal, wie sie lautet ! Hey, ich habe auch Mist gebaut – du weißt alles über mich und mein Leben. Komm schon ! Ich muß es wissen, was dein Grund war !! Wieso ?! Ich weiß du hast gelogen...“, redete ich dauernd, bis Cer seinen Kopf langsam zu mir drehte, und ich innehielt.
Kurz hustete er schwach...und dann formte er seine Mundwerkzeuge, um etwas zu sagen. Ich ging näher zu ihm hin, um ihn auch sicher verstehen zu können.
Doch dann....dann gab er seinen klackonischen Morgengruß von sich – so wie er es morgens, mir gegenüber immer pflegte. Danach wandte er sich wieder ab von mir ...und starb.
„17: 42 Uhr“, sagte der Arzt zur Schwester, die das auf einen Zettel notierte.
„Was ist mit ihm geschehen ?“, fragte ich den Arzt, entkräftet.
„Selbstmord. Er spritzte sich metallisches Helium, vor einigen Stunden. Angesichts dessen, wie schnell sowas wirkt, haben wir ihn noch rechtzeitig gefunden. Doch wir konnten ihn nicht länger halten. Es tut mir leid...“, meinte der Arzt, und ging aus dem Zimmer.
Ich blieb im Zimmer, und blickte zu Cer – stellte ihn Fragen in meinen Gedanken. Wieso Selbstmord ? Offenbar wollte er nur mehr solange Leben, um den Menschen ein Leben zu ermöglichen... eine Schuld begleichen ? Oder in den Tod fliehen, bevor die Wahrheit ans Tageslicht kommt ?
Man hüllte Cer in einige Plastikfolien, und brachte ihn weg.
Nun war ich selbst ein Gefangener einer Lüge. So wie Julian. So wie all die anderen Menschen. Müde blickte ich in die Dämmerung. In das Gitter – in die Gefangenschaft.



Es war unerträglich stickig im Shuttle, und es roch nach Schweiß. Die Triebwerke hatten keine Antriebsdämpfer, sodaß es im ganzen Lagerraum dröhnte und vibrierte. Es war ein altes Shuttle, daß ausgedient hatte – eins, wofür es ebenso keine Verwendung mehr gab, wie für uns. Die Rationen waren uns schon seit Tagen ausgegangen, und manche hatte die Raumkrankheit erwischt, sodaß der Boden, neben den Fäkalien auch noch vollgespeit war. Kein sauberer Platz zum Liegen, all die Tage – kein Platz für die Notdurft ... Wieso sollte man Verbrecher auch besser behandeln ? ...Ja Verbrecher – aber nur Verbrecher...


„Und du kommst auch ganz bestimmt wieder, Hal ?“, fragte meine Gunia mich unsicher.
„Ja sicher doch, mach dir keine Sorgen. Kümmere dich um die Kinder, solange ich weg bin.“, erwiderte ich ihr.
„Wir müssen jetzt gehen...“, meinte mein Begleiter, und Gunia löste sich vor mir auf. Ich kam mir vor wie in einem Gefängnis, seitdem ich am Hauptforschungsinstitut arbeitete.
Ich warf meinem Begleiter, einem Sicherheitsbeamten in meinem Alter, einen genervten Blick zu, der sich aber davon nicht beeindrucken ließ...
„Wir sind so schon zu spät dran...“, meinte er rechtfertigend. Ja, zu spät wofür ? Für das „unsichtbare Auge“ ? Oder für die Utreg-Kanone ? Nein, für die 50 Forschungsleiter, die heute eine Sitzung hatten. Ich sollte das 51. Rad sein – als ob dies so wichtig sei...

„Herr Nagorek, was sagen sie zu dieser Sache ?“, fragte mich der Forschungspremier, und fügte hinzu : „..sie waren bisher die ganze Zeit so still.“
„Was ich davon denke ist unwichtig. Würde ich es ihnen sagen, würden sie es doch nicht in Betracht ziehen.“, meinte ich frech. Er wußte was ich meinte – und er wußte auch, welchen Grund meine Frechheit hatte. Und deswegen konnte ich mir dies erlauben. Ich war wichtig, und doch nicht ernstzunehmen. Aber das störte mich mittlerweile nicht mehr. Noch vor 500 Jahren hätte er mich demütigen können damit. Doch nicht, seit ich eine Familie hatte, um die sich dauernd mein Geist drehte.
„Wir würden dennoch gerne wissen, was sie davon halten. Die Sitzung wurde nicht einberufen, damit sich einer enthalte, nur weil er denkt, seine Meinung seie zu abwegig für die Sitzung.“, konterte der Forschungspremier geschickt. Mittlerweile blickten mich auch 100 Augen an. Er hatte gewonnen. Wieder einmal. So soll es sein...
„Ich bin für eine Kommunikation mit dem unsichtbaren Auge.“, meinte ich kurz und bündig. Ich hätte es auch nicht länger ausführen können, zumal sich großer Lärm im kreisrunden Saal breitmachte. Ich blickte derweil zu den unteren Stockwerken, durch den Boden, und kümmerte mich nicht weiter , um die Reaktionen auf meine Meinung.
„Sie können das sicher auch ausführen...“, meinte der Forschungspremier mit einem unechtem Lächeln, als sich die Menge etwas beruhigt hatte. Ich überhörte ihn, was sich keiner derer, die im Saal saßen, sich je erlaubt hätte.
„Nagorek !“, rief er, um meine Aufmerksamkeit zu fordern.
„Gut...“, sagte ich, und legte eine Pause ein, die die Ungeduld weiter schürte, und setzte dann fort : „... es spricht ja wirklich viel dafür, daß es ein starres Gebilde ist – das es weder lebt, noch auf künstlichem Wege denken kann. Wir haben nur die Überlieferung, daß es uns beobachte, welche jedoch auf unsere Religion begründet, und nicht wissenschaftlich ist. Wir nahmen vor langer Zeit ja sogar an, es sei gar eine physikalische Eigenschaft unseres Universums, bis wir nachweisen konnten, daß es sich lediglich auf unsere Galaxie betrifft. Daraus schließen wir, daß es wenigstens nicht natürlichen Ursprunges ist. Dieses unsichtbare Auge muß also von jemanden geschaffen worden sein. Die Überlegung daraus ist, daß es einen Zweck hat, oder hatte. Wenn wir meinen, es lebt nicht , und es ist künstlich – dann muß es doch von jemanden geschaffen worden sein, welcher lebt. Diesem mußte es sich auch mitteilen können, wenn es einen Zweck hatte. Andererseits macht es Anzeichen dafür, daß es lebt, indem es unsere Mitmenschen scheinbar wahllos in Luft auflösen läßt. Ist dieses unsichtbare Auge denn eine Maschinerie, die verhindert, daß sich eine Zivilisation über eine bestimmte Grenze entwickeln kann ? Ich glaube kaum. Wir haben in unserer Galaxie Zivilisationen kennengelernt, die derart anders sind, daß sie kaum von unseren Wertevorstellungen beurteilt werden können. Ich denke, in derselben Weise ist es für das unsichtbare Auge nicht möglich, nach einem Kriterium qualitativ zu urteilen, daß es uns, aufgrund bestimmter Eigenschaften, töten muß. Eins ist klar : erst seitdem wir in Betracht gezogen haben, es offensiv anzugreifen, scheint es sich zu wehren. Ja nicht einmal das ist klar. Denn im Grunde verschwinden unsere Leute ja nur – was wir mit dem Tode gleichsetzen. Es ist fähig auf uns zu reagieren, also sollte es auch möglich sein, mit diesem unsichtbaren Auge zu kommunizieren.“, sprach ich in die ungläubig wirkende Menge.
„Verehrter Professor Nagorek...“, übernahm der stellvertretende Forschungspremier das Wort , „...sie wissen doch ebenso, wie wir hier alle, daß unzählige Versuche unternommen wurden, mit dem unsichtbaren Auge zu kommunizieren. Die Utreg-Beschießung war ja auch kein Angriff, wie sie so schön formulieren, sondern ein Versuch das Gitter, oder wie sie es veraltet zu sagen pflegen : das unsichtbare Auge, mit Utreg-Feldern zu erforschen. Nun ist es wenigstens die einzige Alternative uns zu wehren. Aber jeder Versuch von Kommunikation blieb eben ergebnislos. Das ist Tatsache.“
„Weil wir doch nicht einmal wissen, was genau das unsichtbare Auge ist. Oder kennen sie seinen Aufbau – oder woher es seine Funktionen erhalten kann ? Wir wissen nicht einmal womit wir es aus physikalischer Sicht zu tun haben !“, erwiderte ich.
„Eben das ist das Problem. Wie können sie davon reden, dem Wesen Eigenschaften des Verstandes und der Kommunikation zuzusprechen, wenn wir nicht einmal wissen, was es ist, oder überhaupt : was es sein kann, und daraus folgernd : wie für ihn eine Kommunikation aussehen könnte, die es verstehen kann.“, sprach der Stellvertreter.
„Eins ist klar : der der es gebaut hat, muß sehr hoch entwickelt gewesen sein – oder können sie ein derartiges Gebilde bauen ?“, fragte ich zynisch.
„Es ist egal, wie hoch entwickelt es ist – umso mehr müssen wir um uns fürchten. Wer weiß, vielleicht ist es ein automatisches Labor, welches Zivilisationen untersucht, und dann seine Ergebnisse seinem Schöpfer übermittelt. Das widerspräche nicht einmal unseren heiligen Schriften !“, antwortete der Stellvertreter, in einem irgendwie fundamentalistischem Anflug.
„Gut, dann erübrigt sich ja meine Meinung.“, meinte ich, und der Stellvertreter staunte über meine bedingungslose Kapitulation. So sehr, daß er danach dem Forschungspremier etwas flüsterte, was den Eindruck machte, daß dieser meine Ansicht nicht gänzlich ignorieren sollte.
„Haben sie vielleicht einen Vorschlag, wie wir mit dem... unsichtbaren Auge kommunizieren könnten ?“, fragte der Forschungspremier.
„Ich schlage vor, wir schicken mit Utreg-Feldern kodiert die Errungenschaften unserer Welt.“, sagte ich gelassen, zumal ich schon wußte, welchen Anklang dies finden würde.
„Sind sie denn verrückt ?!“, verlor nun auch der Forschungspremier die Beherrschung.
„Es ist uns voraus ! Wenn sie denken, Utreg-Felder seien auch nur der Hauch einer Chance, gegen das unsichtbare Auge etwas auszurichten, dann sind sie sehr naiv !“, meinte ich, ebenso die Beherrschung verlierend.
„Nein – Utreg-Felder sind das Einzige, was wir gegen dieses Ungeheuer, in der Hand haben. Sie sprechen von Kapitulation, und vergessen, daß man vor einem Raubtier nicht kapitulieren und gleichzeitig das Leben behalten kann !“, schrie er zurück, und der ganze Saal schien nur noch aus ihm und mir zu bestehen.
„Diesem Raubtier sind wir nicht gewachsen. Es tötet uns, mit oder ohne Utreg-Kanone. Das Einzige was wir gegen jedes Raubtier am Ende siegreich einsetzen konnten, war unser Verstand. Nur wenn wir wissen, wie das Raubtier ist, haben wir gegen einen übermächtigen Feind eine Chance. Ich bin überzeugt, es ist intelligent, und handelt aus Überlegung. Wir verletzen es mit der Utreg-Kanone, dafür nimmt es unsere Leute – bis wir am Ende nicht mehr sein werden.“, sprach ich, während er Seines zum Besten gab. Am Ende aber wurde es ruhig, und er wies mich aus dem Saal. Mir war das ganz recht...



  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
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