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Gefangen und frei

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Gefangen und frei (Teil 3)

„Ey Kumpel weißt du wohin wir fliegen ?“, stupste mich ein Reisegefährte an. Ich blickte zur schmutzigen Wand, und ignorierte ihn. Er war ein dummer Verbrecher, wie jeder im Shuttle. Unfähig „Danke“ oder „Bitte“ zu sagen – der Abschaum unserer Zivilisation.
„Höhö, dem sind wir wohl zu tief...“, lachte derjenige mit einem seiner Kumpel.
„Höhö, jo, nur weil er ein Forscherabzeichen auf seiner Hand hat – Vergiß den Streberpisser, er kann uns ja auch nicht mehr sagen, als wir im Shuttle wissen...höhöhö...“, faselte sein Kumpel hohl.
„Jo, klug bis zu den Vortul-Nebeln und doch genauso ahnungslos wie wir...harhaha..“, spottete mein anderer Nachbar mit den anderen beiden.
Genau: dumm. Was für ein nostalgischer Begriff. Ja, wäre ich dumm wie sie, wäre ich sicher nicht in diesem Shuttle jetzt. Doch was spricht eigentlich gegen die Dummheit ? Eine kindische Lust überfiel mich. Wieso eigentlich nicht ? Ja ein kleines Spiel mit den Dummköpfen – schließlich hatten wir noch gut drei Stunden Zeit.
„Hey, wie heißt du ?“,fragte ich irgendeinen, der mich auf dem Flug öfters geneckt hatte. Er blickte mich kurz auf eine Art an, als ob ich ihn verarschen wollte. Ja, ich will dich verarschen – doch du wirst dich sicher trotzdem darauf einlassen. Wie gewußt : sein Blick veränderte sich, und er antwortete mir...
„Kratorwe....und du ?“, fragte er mit einem unnachahmlich dämlichen Blick. Nun mußte ich aufpassen. Verarschen durft ich ihn nicht allzu offensichtlich. Schließlich war er ein Krimineller, dem es nichts ausmachte, einen Wissenschaftler im Shuttle, zu den heiligen Ulfa-Gefilden zu befördern.
„Nagorek“, antwortete ich gleichgültig. Schließlich ging es mir nicht um eine Vorstellung.
„Ja, und was willst du ?“, fragte er erneut. Er hatte ja mit seinem beschränkten Hirn auch geschnallt, daß ich auf etwas hinauswollte. Mittlerweile hatte sich eine kleine Truppe aus seinen Freunden, um mich versammelt. Aussenseiter wie ich, würden schnell zu Viehfutter verarbeitet werden, wenn sie was falsches sagten. Das war mir klar. Ich mußte meine Worte geschickt wählen...
„Nun, ich bin dafür, daß ich euch ein wenig mit meiner Lebensgeschichte als Wissenschaftler unterhalte. Was haltet ihr davon ?“, sagte ich ganz gebildet – fast schon wie ein Geistlicher. Sie blickten einander an... Was konnte ein Wissenschaftler denen schon bieten ? Sie begannen laut zu lachen, und bereiteten sich auf eine Stunde vor, wo sie sich so richtig über mich ablästern könnten. Ja, sie waren in die Falle gegangen. Vielleicht die letzte Freude, in meinem Leben...
„Also was gibts Großes zu erzählen aus Nagorek’s kleinem verschissenen Leben ?“, meinte Kratorwe. Ich grinste vornehm, als ob ich seinem Streberbild entsprechen wollte.
„Gut.. also ich wurde geboren in Atemis...“, fing ich an...
„Harharhar... ja, genauso wie Fralon, der Heilige !“, lachte die Meute.
„...dort verbrachte ich meine Kindheit, und meine Schulzeit...“, redete ich unentwegt weiter – egal, ob und wann sie zuhörten. Das gehörte mit zu dem, was ich bezweckte.
„In meiner Studienzeit verschrieb ich mich der Temporalphysik...“, fuhr ich fort...
„Wetten, er hat nie eine Stute geschossen ?“, warf einer von hinten in den Raum. Ja das gefiel mir... dadurch vergrößerte sich die Zahl meiner Zuhörer, die über mich lachen wollten. Lachen...
„Wie ihr sicher schon wißt, hab ich nur die Bestnoten bekommen, und hab als Klassenbester abgeschlossen....“, meinte ich wagemutig. Ein klein wenig zu wagemutig, denn Kratorwe packte mich am Hals und presste mich an die Wand.
„Schön weiter erzählen, und nicht blöd werden, klar ?“, sagte er mit leiser aber bedrückender Stimme. Ich nickte, panikerfüllt. Nachdem er mich losließ, meinte ich, es war unnütz, sich mit ihnen zu beschäftigen – sollte wohl abbrechen, und weiter die Wand anstarren. Ich legte eine Pause ein, doch die Shuttle-Gefährten brüllten : „Weiter – weiter !! Er soll wieder Streberscheiße plappern !“. Nun zweifelte ich, wer hier der Narr war und wer wen benützte. Es gab wohl kein zurück mehr. Ich mußte mein Vorhaben durchziehen...
„...Phuu...gut...wo war ich stehengeblieben...ehm... achja der Abschluß. Nun nach dem Abschluß in der Universität wurde ich im physikalischen Forschungsinstitut für Raumzeit-Physik aufgenommen...“, sprach ich und kämpfte wieder um eine ruhige Aussprache. Meinen Gefährten gefiel es – meine eingeschüchterte Art. Wäre ich einer von ihnen gewesen, hätte mich das im Innersten verletzt. Doch ich wußte, daß es mir um etwas anderes ging...
„Ich schloß dort meine Arbeiten mit Bestbewertungen ab. Ich war richtig stolz darauf. Schnell wurde ich auf ein Forschungsschiff stationiert. Die Rambrer. Dort verbrachte ich 150 Jahre, und entdeckte damals die von Huwrog vorrausgesagten Teilchen aus schwarzen Löchern und Neutronensternen. Ja... durch die wurden Huwrog-Antriebe überhaupt erst Realität. Nach diesem Erfolg wurde ich mit 320 Jahren befördert zum Abteilungsleiter für Temporalphysik, auf einem der drei größten Forschungsschiffe. Weiters brach ich den Rekord des jüngsten Abteilungsleiters. Ich verdiente wirklich gut. Nach weiteren zweihundert Jahren hatte ich meine 6-Etagen-Villa, und...“, sprach ich und wurde wieder unterbrochen...
„Jaja, und dann dein ZX200 in deiner Garage, und du wurdest dem Planetenpremier vorgestellt – blablabla – den Scheiß kennen wir... mach weiter mit was anderem...“, brüllte ein Kumpel von Kratorwe mir ins Wort. Das war wieder mal haarscharf vorbei an dem, was ich mir erlauben durfte.
„Ehm ja, gut. Nach 150 Jahren auf der Rambrer, bekam ich ein eigenes Forschungszentrum auf Vulku. Ich benannte es nach meiner Frau Gunia...“, erzählte ich schwärmerischer, als ich beabsichtigte.
„Klingt wie eine die sich von jedem schießen läßt.“, warf einer, den ich nicht sah,gelangweilt in die Runde. Einige lachten auf, und stimmten ihn zu, und schmückten es mit ihren Ideen aus.
Als die Aufforderung: „Weiter, Streberheini...“, kam, erzählte ich weiter.
„Nach fünf Jahren im Gunia-Institut entdeckte ich und meine Forscher einen Zusammenhang zwischen den Huwrog-Teilchen, und dem Licht. Wir konnten das eine in das andere überführen – und so konnten wir das erste Mal aus Licht Huwrog-Teilchen gewinnen. Das theoretische Prinzip des Huwrog-Antriebs war geboren worden. Diese Errungenschaft schickten wir bald an alle Forschungszentren, und 20 Jahre darauf war der Huwrog-Antrieb geboren. Die höchsten Forschungszentren wurden auf das Gunia-Institut aufmerksam. Eines Tages kam der Forschungspremier in mein Institut. Überraschend, denn ich war nicht darauf vorbereitet. Er gab mir einen Auftrag. Einen sehr Schwierigen, wie sich herausstellen sollte. Ich sollte die hypothetischen Utreg-Felder nachweisen und herstellen. Ein Vorhaben, daß seit 8000 Jahren auf Eis gelegt worden war. Ich lernte auf der Universität von den obskuren Utreg-Feldern, denen man multiple Raumzeit-Eigenschaften zusprach. Es war im Unterricht lediglich gestreift worden – denn der große Gulon, der ja eigentlich Mathematiker war, hatte ja vor 8000 Jahren nur hypothetisch auf sie hingewiesen. Es war mehr eine Phantasie – eine Spielerei. Ich konnte mir auch nicht wirklich vorstellen, daß der Forschungspremier es ernst meinte. Irgendwo fühlte ich mich auch hintergangen. Ich wußte zwar nicht von wem, aber es war mir klar, daß ich diese Utreg-Felder nie nachweisen werde können – geschweige denn sie herzustellen....“, erzählte ich meine Vergangenheit nach...
„Abgefahren – diese Utreg-Felder sind aber auch ziemlich gemein – eins hat mir mal im Knast meinen Arsch gebissen, und ist dann auch einfach abgehauen. Also ich sags dir, Kumpel, so Urteg-Felder sind wirklich gemein.“, spottete ein Verbrecher, aus der ersten Reihe.
„Nun, mir gelang es sie zu schnappen. Mithilfe meines Mathematikerfreundes Zulinog. Ihm gelang es, eine Formel von mir umzumatrizieren, und löste einen Vinus-Term , der...ehm...nicht so wichtig... Er hat auf jedenfall den Utreg-Feldern in mathematische Schranken gesperrt. Dadurch war es eigentlich nur mehr eine Frage der Zeit, bis ich und mein routiniertes Forscherteam Utreg-Felder nachweisen, und erzeugen konnten. Ich denk, ich muß nicht sagen, welch Jubel an dem Tag durchs Institut ging. Etwas, woran sich die ganze Physik wie an einen schlechter Scherz erinnert hat, den es nicht widerlegen konnte, war Realität geworden. Und zwar eine phänomenale Realität! Die Möglichkeiten waren unglaublich, und ich präsentierte stolz die Errungenschaft vor dem höchsten Forschergremium : dem Kolsar-Gremium. Ich und das Institut bekam die größte Auszeichnung: das himmelblaue Biulblatt. Doch es war ein Fehler, wie ich feststellte. Alles war ein riesengroßer Fehler. Denn dann kam das große Sterben. Das große unerklärliche Sterben. Niemand wußte es – doch ich hatte erkannt, wieso die Vultu starben. Ich wies Utreg-Felder in der Atmosphäre nach. Lediglich mein Institut, und wohl das Hauptforschungsinstitut waren dazu fähig. Schnell bestätigte sich mein Verdacht, indem ein Abgesandter des Hauptforschungsinstitutes kam. Diesmal nicht der Forschungspremier – sondern einer der für die interne Sicherheit zuständig war. Er teilte mir mit, ich hätte den Befehl, unverzüglich zum Hauptforschungsinstitut zu kommen, und von den Utreg-Feldern nichts zu sagen. So also kam ich ins Hauptforschungsinstitut. Wie ich später erfuhr, wurde das Gunia-Institut abgerissen. Meine Frau, sah ich nie wieder...“, sprach ich. An dieser Stelle machte ich eine Pause. Eine Pause der Andacht, und irgendwo schienen die Verbrecher sich verändert zu haben. Nicht alle, aber einige. Die meisten dösten herum, und warteten, wann wieder was kommen würde, worüber sie sich so richtig ablachen konnten.
Ich setzte fort : „Das Hauptforschungsinstitut forschte an etwas sehr Aussergewöhnlichem. An etwas, was sich bis dahin, kein Forscher vorstellen hätte können. Bislang dachten alle, ausserhalb, daß im Hauptforschungsinstitut all die Erkenntnisse der anderen Institute zusammenfließen, und interpretiert werden würden. Gewissermaßen tat man das auch. Jedoch nur für einen Zweck : nämlich die Gitterforschung.“, sprach ich, und es wurde leiser im Shuttle. Zumindest von Seiten der Häftlingen.
„Ey, was ist’n Gitterforschung ? Höhöhö, wir sind auch Gitterforscher – naja, sagen wir : wir sind die weniger erfolgreichen Gitterforscher – schließlich sitzen wir jetzt ja hier, und nicht auf einem Senga-Mond, hehehe.“, spottete Kratorwe, und die anderen begannen auch zu lachen.
„Jo, Gitterforscher ist gut... Hey, vielleicht hättest eher ein Gitterfeiler sein sollen, dann wärest du jetzt nicht hier...harharhar.“, kam es von woanders. Ich wartete wieder, bis sich meine Zuhörer beruhigten.
„Ja, die Gitterforschung war auch mir neu...“ fing ich an, und setzte fort : „sie war aber etwas, was wir schon seit hundertausenden Jahren begannen zu erforschen. Sie ist das, was der Urvater Julan als das große unsichtbare Auge, beschrieb. So steht es in unseren heiligen Schriften. Julan schrieb, es bestünde aus längsliegenden und querliegenden Fäden, welche sich über die Welt spannen....“, sprach ich, und bereute meine religiöse Abschweife...
„Jaja, und das große Auge hat die Welt nach seinem Wesen geschaffen, und die Fäden des bösen unsichtbaren Auges beherrschen uns und die Welt – den Mist kennen wir – Ey, mach uns keine Predigt, Pfarrer, auch wenn wir dem Tod geweiht sind. Wir wollen unsere letzten Stunden wie stolze Vultu verbringen... wir haben alle ne Scheiß-Vergangenheit – also keine Moralpredigt, sonst predigen wir !“, kam es höhnisch aus der Menge.
„Ja, gut...also, das Gitter... ich ...ich wurde der utregischen Erforschung des Gitters zugeteilt. Da sah ich es : ein riesiger Utreg-Emitter. Die Frage, welchen Zweck er hatte, war natürlich überflüssig. Ich ahnte, wozu es da war. Ich sah es ganz genau... sie hatten die eine Utreg-Kanone gebaut. Ohne meinem Wissen, doch durch meine Errungenschaften. Ja, das Hauptforschungszentrum wollte nicht nur forschen – es wollte auch Machtpotentiale erlangen. Macht über das Gitter. Das Gitter erforschen, und das Gitter beherrschen. Das war das Ziel, das jeder Forscher dort schnell erkannte. Doch es gab kein Entrinnen. Wir waren eingesperrt. Gefangene. Man drohte uns mit der Ausrottung unseres ganzen Umfeldes – unserer Freunde; unserer Familie, wenn wir irgendwen etwas davon sagen würden. Ich bekam zwar unglaubliche Gehälter, doch ich konnte sie nicht genießen. Ich kaufte meiner Frau, und unseren Kindern riesige Dinge : Luxusgüter aller Art – doch dafür starben Millionen Vultu. Das Blut dieser Vultu klebte an jedem Ding, daß ich von meinem Gehalt kaufte. Ich konnte so nicht mehr weiterleben. Ich mußte etwas unternehmen. Ich konnte nicht weiter das Zahnrad für die Angriffe gegen das Gitter sein, welches sich seinerseits damit wehrte, indem es Vultus tötete...“, erzählte ich, im schlechten Gewissen...
„Hey, dann war also die Rudenfog-Krankheit gar keine Krankheit ?“, meinte ein aufmerksam gewordener Zuhörer.
„Ja, das war es nicht. Es war das Gitter...“, nun hatte ich all die Aufmerksamkeit der Zuhörer. Lediglich die Triebwerke des Shuttles störten noch.
„Ich habe etwas unternommen. Etwas....“, erzählte ich, und stockte nun, weil ich nicht wußte, wie ich es meinen ungeschulten Gefährten im Shuttle verständlich machen konnte.
„Ich habe etwas auf eigene Faust gemacht...“, fing ich erneut an, und meinte es mit diesem Anfang nun weitererzählen zu können.
„Ach ja, was denn ?“,kam es interessiert von einem, der mich vorher noch spottete.


„Hal, Liebster, was hast du angestellt ?“, fragte mich Gunia zärtlich. Ich hörte es an ihr, sie war überzeugt, sie hörte mich nun zum letzten Mal. Ich ließ ihre Stimme in mir klingen, und stellte mir die blumigen Wiesen vor Atemis vor, wo wir früher als Frischverliebte herumtollten. Ich konnte in ihrer Stimme all dies wieder sehen. Sie war meine Erinnerung an ein schönes vergangenes Leben.
„Das was ich für richtig hielt. Aber nun weiß ich, daß es falsch war. Ich hoffe du verzeihst mir.“, kam es es mir irgendwie flehend heraus.
„Ach, Liebster sicher doch. Wenn ich doch bloß wüßte, wie ich dir helfen könnte. Ich weiß ja nicht einmal, was du verbrochen hast.“, meinte meine geliebte Frau, dem Weinen nahe.
„...Das darf ich nicht sagen, sonst wird die Verbindung sofort getrennt.“,sagte ich seufzend.
„Ich werde auf dich warten...“, meinte sie, und ich merkte, daß sie wußte, daß ich nicht glaubte, daß sie zuversichtlich genug war, auf mich zu warten.
„Die Gesprächszeit ist vorbei...“, kam es schroff vom Gefängniswärter, und die Verbindung wurde abgeschnitten.
Langsam ging ich in diesem verspiegeltem Komplex zu meiner Zelle. Ich hatte schon lange die Orientierung verloren – zu diesem dienten diese verspiegelten Wände, Böden und Decken. Den Häftlingen wurde so eine Abhängigkeit von den Wärtern suggeriert. Ohne Wärter konnten wir nirgendwohin. Nichts hatte hier einen Namen – jeder Raum war gleich groß – zu jedem Raum führten scheinbar die gleichen Gänge. Ich las schon früher davon, daß hier einige sogar verrückt wurden. Vielleicht wars in einer Irrenanstalt aber auch besser, als hier. Vielleicht war es hier klug, verrückt zu werden.
Ich blickte in die Unendlichkeit, die mich wiederspiegelte – stundenlang ? Oder warens nur Minuten ? Ich weiß nicht... auf jeden Fall hallte plötzlich eine Stimme in meiner Zelle : „Der Forschungspremier will sie sprechen.“ ...


„Ich nahm mir vor, eine neue Hypothese zu Utreg-Feldern zu entwickeln, um sie so zu manipulieren, daß sie dem Gitter nichts mehr anhaben konnten. Es stimmte zwar, daß Utreg-Felder hoher Stärke das Gittergefüge auf schädlicher Weise verändern konnten, aber sie korrigierten sich ja immer wieder. Ich war überzeugt, daß man einen Krieg gegen das Gitter nie gewinnen konnte. Deswegen mußte eine Änderung her. Etwas, was dem Gitter nicht mehr schaden kann. Denn tote Vultu gab es erst seitdem die Utreg-Kanone eingesetzt wurde. Natürlich fragte ich mich, wieso diese Kanone überhaupt offensiv eingesetzt wurde – wieso man das Gitter denn angreifen mußte ? Auf diese Frage bekam ich leider zu spät eine Antwort. Vermutlich lag das auch daran, weil ich an den Utreg-Feldern manipulieren wollte. Ich wollte etwas ganz neues schaffen – etwas was sich dem Horizont des Gitters verschließt – jedoch vom Hauptforschungszentrum noch immer als Utreg-Feld erscheint. Ich verbrachte 150 Jahre damit. Vielleicht zu lang – wer weiß. Ach, es war ein Fehler... Doch ich will weitererzählen. In 150 Jahren konnte ich insgeheim die Erkenntnis erringen, wie man Utreg-Felder, in Raumzeitfelder kodieren kann. Im Grunde hatte ich damit etwas erfunden, was sehr gefährlich war. Ich wußte, wenn diese Erkenntnis in die Hände des Hauptforschungsinstituts fällt, dann könnte sie mit diesem Potential die ganze Galaxie implodieren lassen. Alles könnte durch eine unachtsame Handhabungsweise dieser Erkenntnis in Utreg-Felder verwandelt werden. Dieser Gefahr bewußt, bewahrte ich all meine Erkenntnisse lediglich im Kopf. Das war nicht leicht. Ich mußte lange die dazugehörigen seitenlangen Formeln im Kopfe wiederholen – und es mußte alles auf das kleinste mathematische Element genau stimmen.... und ich mußte im Kopf mit ihnen rechnen. Nichts von all dem durfte ich in irgendeinem Computer eingeben. Schlußends meinte ich, den Schlüssel zu haben, die Utreg-Kanone umstellen zu können. Und zwar so, daß bei jedem Schuß einfach eine Raumzeitanomalie durch den Raum geschossen werden würde, welches sich als Utreg-Feld bemerkbar macht. Die Umstellung plante ich in sechs Etappen... nun, bei der 5. Etappe wurde ich erwischt.
Ich konnte es nicht mehr damit ausreden, die Utreg-Kanone optimieren zu wollen. Es war vorbei – ich wurde in Handschellen abgeführt... und das Sterben in unserem Reich ging weiter. So verbrachte ich einige Monate im Gefängnis, und wartete auf meine Hinrichtung...“


Der Forschungspremier sah sich kurz um in meiner Zelle. Ein Schauer lief ihm über den Rücken. Er ließ es sich nicht anmerken – zumindest bezweckte er das. Doch Erstens kannte ich ihn wohl schon besser als seine Mutter – und Zweitens gab es hier nur Gesichter, an denen man sich orientieren konnte. Danach musterte mein ehemaliger Chef mich. Er fragte sich wohl, wieweit ich hier schon verückt geworden wäre. Man behielt selten so lange jemanden in so einem Gefängnis, wie man es mit mir tat. Ein Glück, oder Pech war es wohl, daß sie sich unschlüssig bei mir waren. Ebensowenig wie beim Gitter, konnten sie bei mir keine wirklich richtige Entscheidung fällen. Hatte ich nun das Richtige gemacht, oder das Falsche ? Widerrechtlich war es wohl – aber war es wirklich gefährlich, oder eher nützlich ? Ja, diese Frage konnten sie ebensowenig beantworten, wie ich.
„Professor, ich bin beruhigt sie wohlbehalten zu sehen...“, fing der Forschungspremier an. Anfangen hat er Reden nie wirklich können...
„Ich will mich aber auch kurz fassen. Es ist ein Handel – das kann ich ihnen nicht verschweigen. Ein Handel, welche ihnen die Regierung vorschlägt. Ich bin eher ein Mittelsmann, zu welcher sie vielleicht noch vertrauen haben. Naja, unter denen halt, die von unserem Handel eben erfahren dürfen. Wie dem auch sei. Wir sagen nicht gerade, daß wir ohne sie nicht zurechtkommen – doch sie sind einer mehr, der sich auf diesem Gebiet sehr gut auskennt. Leider sind sie einer der größten Forscher aller Zeiten – jedoch mit entstellten Idealen. Kommen sie : sie sind kein Politiker, und sie haben auch nicht Ethik und Moral studiert. Es gibt Leute dafür, die viel besser auf diesen Gebieten sind....“, sagte er, und ich schnitt ihm das Wort ab...
„Ja, doch die sind bezahlt vom Staat, oder ebenfalls im Gefängnis.“, meinte ich zu ihm grinsend.
„Verdammt nochmal sie sind Forscher – sie können doch nicht Dinge beurteilen, von denen sie keine Ahnung haben ! Ich kann das auch nicht. Ich bin auch nur Forscher. Wenn sie soviel Wert legen auf diese Dinge, dann hätten sie etwas anderes studieren sollen.“, erklärte er, und bevor ich noch Luft holen konnte, setzte er ruhiger fort : „Sie haben ein aussergewöhnliches Talent, welches sie an sich erkannt haben. Es wäre eine Verschwendung unseres Volkes, wenn wir sie hier verrecken lassen. Wir haben mehrheitlich sogar beschlossen ihrem Vorschlag der Kommunikation, unter ihrer Leitung, zuzustimmen. Und ich habe sogar herausschlagen können, daß sie ihre Familie wieder sehen dürfen. Freilich nur durch Teleprojektion, aber das ist doch schon....“, sprach er, und ich redete ihm wieder ins Wort, weil es mich nicht kümmern mußte...
„Und unter Beaufsichtigung... Nein, ich werde nie mehr frei sein...“, meinte ich demotiviert, und er verhärtete sein Gesicht wieder. Es passte ihm nicht, daß er mir ein Angebot machte, und ich derjenige war, der sich erlaubte, darüber zu nörgeln.
„Ok, aber das gibts ja nicht umsonst...“, sprach ich, wieder gefasst, und er machte eine Pause. Ich sah ihm an, er wollte mich noch weiter weichklopfen, bevor er sagen wollte, was ich dafür machen müßte.


„...Aber die Hinrichtung kam nicht. Stattdessen kam der Forschungspremier in meine Zelle. Er fragte, ob ich frei sein wolle. Ich antwortete ihm, ich würde nie an einer Kanone gegen das Gitter helfen. Und da sagte er die Antwort. Da sagte er die Antwort auf meine Urfrage : wieso das Gitter überhaupt angegriffen wird. Natürlich verriet er dies, weil er mich überreden wollte. Deswegen wußte ich nicht, ob er die Wahrheit sagte, oder nicht. Ich bin mir selbst heute nicht ganz sicher. Rebellen... kluge Rebellen, war die Antwort. Ja, in unserem Reich gab es gewöhnlich wirkende Vultu, die ein Doppelleben führten – die zu einer Organisation gehörten, die gegen die Regierung war. Die Rebellen waren ursprünglich politische Rebellen, aber es entwickelte sich aus ihr nennenswerte Gruppierung aus Studenten und Forschern entwickelt, die meine Ansicht vertraten -nämlich, mit dem Gitter Kontakt aufzunehmen. Sie hatten viele Dinge vom Hauptforschungsinstitut entlarvt. Ursprünglich war ein Utreg-Emitter eine Versuchsapparatur mit großer Ausgangsleistung, um die Auswirkungen von Utreg-Feldern auf andere physikalische Phänomene zu erforschen. Dies beschädigte unvorhergesehen das unsichtbare Auge. Dieses reagierte dann eben mit der sogenannten Rudenfog-Krankheit – eben das die Vultu nach und nach, ohne Grund verschwanden. Es entstand mit der Zeit aus dieser Rebellen-Organisation aber eine wesentlich fundamentalistischere Gruppierung, die meinte, das Gitter würde von der Regierung zur Kontrolle eingesetzt werden. Das Gitter aber war ab diesem Zeitpunkt eine Fehlinterpretation von ihnen. Sie versuchen nun mit ihrer These Anhänger zu gewinnen, indem sie normale Bürger davon überzeugen wollen, daß der Staat den Glauben an das „unsichtbare Auge“, das Julan beschrieb nütze, damit es einen Kontrollmechanismus wie dieses Gitter, erhalten könne. Nun, und hierbei ergeben sich zwei Motive, wieso das Gitter zerstört und erforscht werden musste. Einerseits, weil das Gitter an sich wirklich ein Kontrollorganismus für unsere Zivilisation sein könnte und ja nun zu einer wirklichen Gefahr für die Vultu geworden ist – andererseits, weil die rebellische Organisation derart an Macht gewonnen hat, daß es zu gefährlich für das Vultu-Reich wäre, falls es den Rebellen gelänge, das Gitter zu kontrollieren, und so manipulativ eine Massenhysterie oder gar eine Rebellion ins Leben rufen könnte. Deswegen müßte es erforscht und zerstört werden. Ich dachte mir, als ich dies hörte, daß offenbar in einigen Teilen, die Vultu-Regierung genauso dachte, wie die Rebellen. Doch unsere Regierung befürchtete eine Revolte, die das ganze Reich betreffen konnte. Denn wir alle werden schließlich nicht gerne kontrolliert vom Staat. Doch wie könnte man dies gegenbeweisen ? Den Staat gab es schließlich schon seit Julan. Julan könnte von einer religiösen Figur, zu einer Heldenfigur, ja zu einem Banner, erhoben werden. Als mir der Forschungspremier diese Dinge erzählte, ergab es für mich Sinn, wieso die Utreg-Kanone so wichtig für die jetzige Regierung war. Ich stimmte zu, wieder im Hauptforschungszentrum zu arbeiten. Auch weil ich dadurch wieder Kontakt zu meiner Familie haben durfte. Später erkannte ich auch, wieso ich so notwendig im Hauptforschungszentrum war. Durch meine Umstellungen an der Utreg-Kanone hatte sie nur einen Bruchteil ihrer Effektivität. Und ich war der Einzige, der dies wieder beheben konnte. Natürlich, unter Besichtigung unzähliger Forscher. Anstelle aber, daß ich die fünf Etappen rückgängig machte, schloß ich die Fünfte, und Sechste Etappe ab. Schließlich wußte ja keiner, wie meine Handgriffe meiner Änderungen, exakt aussehen mußten. Ich meinte also am Schluß, ich hätte ihnen ihre Utreg-Kanone wieder einsatzfertig gemacht.“, sprach ich, und machte eine Pause, um meine nachfolgenden Erinnerungen zu ordnen.
„Krass Alter – du hast sie also ums Ohr gehauen !!“, meinte ein Häftling. Ja, ums Ohr gehauen... Wenn dieser armer Wurm wüßte, was ich noch nicht erzählt hatte. Ja, ich hatte sie wirklich mächtig ums Ohr gehauen – deswegen war ich mit diesem stinkendem Haufen in einem Shuttle – zusammengepfercht wie Schlachttiere – die ins Ungewisse flogen...
„Gut – es kam natürlich schnell raus, daß ich die Utreg-Kanone nicht richtig umgestellt hatte...“, sprach ich zu den mittlerweile interessierten Verbrechern um mich herum, und klärte weiter auf : „Klar, man hätte eine neue Kanone bauen können. Doch ich und der Forschungspremier wußte, was das kostete, auch wenns zuletzt ein politisch notwendiger Zug gewesen wäre. So wurde ich wieder vor Gericht gestellt. Doch nun gabs ein Fürwort für mich. Denn das Sterben nahm ab, seit die Kanone von mir umgestellt worden worden war. Das Gitter korrigierte sich, hörte aber gleichermaßen zunehmend mit dem Töten auf. Ich sah das als wesentlichen Fortschritt in der Gitterforschung, und forderte vergeblich eine Beibehaltung der Vorgehensweise. Ich legte all meine Forscherverdienste auf die Waage, doch es half nichts. Ich wurde verurteilt. Zu Tode verurteilt. Eine Wende, die wohl das Schicksal so wollte, ließ mir die Vollstreckung ersparen. Eine Errungenschaft des Hauptforschungszentrums, erreichte meine Zelle... und zwar mit einem unechtem Grinsen eines Vorsitzenden des Kolsar-Forschungsgremiums. Ja dieser war persönlich gekommen, um über mich zu spotten. Was ihm dies brachte, da ich ihn erst einmal zuvor gesehen hatte, wußte ich nicht, aber es gab Aufschluß über meinen Ruf, ausserhalb. Sie hatten nun die Utreg-Kanone unter meinen Umstellungen weiterentwickelt, meinte er, und sie könnten nun wahre Löcher ins Gitter schießen. Aber nicht nur dies. Sie könnten mit dieser Kanone auch ein wirksames Exil für Rebellen und Gefangene schaffen. In dieses Exil wurde ein Computer geschossen der in jeder Grenz-Sekunde die Konfiguration des Loches kalibriere, sodaß es nicht in sich zusammenfallen kann, wie frühere Utreg-Geschosse.
„Der Sieg würde nun eindeutig uns gehören“, meinte derVorsitzende. Und zwar war dies eindeutig durch meine Errungenschaften erreicht worden. Ich lächelte ihn ebenso spottend an, wie er mich. Ja, ich habe mir so mein eigenes Exil geschaffen – meinen eigenen Tod. Narren, die das Gitter mit meinen bescheidenen Erkenntnissen beherrschen wollten !
Meine Ansicht nämlich war immer, daß das Gitter kein natürliches Phänomen ist – diese Ansicht hatte ich mit den Rebellen gemein. Ich meine, es hat zumindest eine grundlegende Intelligenz, der seine Erhaltung gewährleistet. Und dies wäre schon eine Basis zur Kommunikation. Auch ein Mammutgnu kann sich schließlich an einige Regeln richten, wenn man sein Überleben garantiert. Doch ich bin kein Biologe , geschweige denn, Tierforscher. Ich denke dabei nur im Einfachen. Die konservativen Forscher des Hauptforschungsinstitut aber dachten für mich immer falsch, wenn sie meinten es sei ein galaktisches Lebewesen, daß sich der Ressourcen in der Galaxie parasitär bedient. Nein, es war kein Parasit, aber für die Regierung war es das – mußte es sein, schon wegen den Rebellen. Dennoch – selbst wenn es ein Lebewesen ist, mußte es doch sicher einen Weg gegeben haben, mit ihm zu kommunizieren. Doch nie tat man derartiges. Es tötete Vultu, und dem hatte man ein Ende bereitet... Die Todesstrafe war unnötig geworden. Es gab ja nun das Exil, welches selbst ein Geschoss ist. Aber damit hörte das Sterben nicht auf, wie ihr ja wißt. Das Sterben verzögerte sich nur – denn es war meiner Ansicht nach nur eine Zeitfrage, und die alte Sterberate war wieder da. Doch es gab nun ein Mittel gegen die Rebellen und die Häftlinge. Mittel den perfekten Staat zu erschaffen : das Exil.“, sprach ich meine Rede einem Ende zu....
„Verdammt....“, fing Kratorwe an... „du weißt also ganz genau, wohin wir fliegen ?“, hakte er fragend nach.
„Ja.“, sagte ich, und bekam nun Mitleid mit all meinen Gefährten. Vermutlich hätte ich sie dumm sterben lassen sollen. Nun aber legte ich ihnen ebenso die Dinge auf, die auf mir lasteten.
„Dann hast du diese Scheiße also mitverbockt !! Scheiße, Millionen Rebellen also sind in diesem Exil verreckt ? Kumpels, wir bringen den Streberscheißer um !“, meinte einer, und wollte sich auf mich stürzen, doch Kratorwe hielt ihn auf...
„Umbringen willst du ihn ? Ja ? Hey, dann hat er ja 10 Minuten Vorsprung ! Bravo ! Verdammt, bist du ein Idiot ? Das bringt uns nichts, du Scheißer !“, schrie ihn Kratorwe an.
„Verdammt, er hat 20 Freunde von mir auf dem Gewissen , wegen seinem Exil – Hey, und von euch sicher auch, also machen wir ihn alle !!“, rührte er die Menge auf.
„Verdammt, jeder bleibt auf seinem Platz !!“, schrie Kratorwe, der in einem Augenblick seine Häftlingsjacke als Würginstrument über die Hälse zweier Häftlinge legte, und kräftig an ihnen zog. Sie krächzten nur, und die Meute begriff, daß sie keine Rauferei im Shuttle riskieren sollten.
Ich konnte meinen letzten Sieg nicht genießen. Es waren alles arme Hunde. Ich hätte mich nicht mit meinem Wissen, und meiner Intelligenz über sie stellen dürfen. Ich schämte mich, wie ein Vater, der draufkommt, daß er sein Kind ungerechterweise schlug. Ja, überhaupt schlug. Es waren Kinder. Große Kinder, die um ihr Leben fürchteten. Das Exil war der Tod – davon war sogar ich überzeugt. Wie sehr dann noch für kleine Unwissende ?
Sehr still wurde es im Shuttle. Niemand sagte ein Wort. Je näher wir dem Exil kamen, desto mehr schieden sich die Geister. Es war ein beängstigender Anblick : ein paar Gefährten begannen ein altes Lied zu singen. Ein, zwei junge Häftlinge begannen zu weinen. Einige betteten sogar. Wiederrum einige warteten gelangweilt , und in die Gegend dösend, auf ihren Tod – fast als ob sie sich vollgepumpt hätten mit Drogen – doch so gnädig war die Regierung nicht. Einer schlief sogar. Jeder tat etwas anderes. Doch allen sah man an, daß sie eine Bewältigung des Sterbens anstrebten – jeder versuchte es auf seine Art. Ich aber nahm ein Photo aus meiner Jacke und blickte es lange an.
„Deine Familie ?“, fragte Kratorwe mitfühlend.
„Mhh“, nickte ich... „Meine Frau, und meine drei Kinder – sind doch bildhübsch, was ?“, ergänzte ich.
„Ja...“, meinte er unsicher. Er wußte nicht, ob er es mir dadurch leichter machte, indem er mir zustimmte.
„Verdammte Scheiße , das verdienen wir nicht.“, sagte er, und ich erkannte in ihm die Angst, die er verbergen wollte.
„Hey, vielleicht ists doch gar nicht unser Tod !“, sagte ich zu ihm zweifelnd. Dennoch griff Kratorwe nach diesem Halm.
„Achja ? Wieso denn ?“, fragte er.
„Nun, es ist doch auch ein Computer im Gebilde. Dieser kontrolliert es ja. Was, wenn er sich Bedingungen schuf, welche ihn erhalten konnten ? Ich mein, er ist ja offenbar nicht zerstört, weil er ja ständig das Exil kontrolliert. Vielleicht sterben wir also gar nicht – sondern im Gegenteil : wir sind nicht mehr Gefangene – wir sind frei. Ja freier als die, die vom Gitter gefangen und getötet werden...“, sagte ich mit gespieltem Schwärmen zu ihm. Noch ein letztes Mal wollte ich mein Wissen, und sein Unwissen, zu einem guten Zweck mal gebrauchen. Nicht, um es ihm heimzuzahlen, weil er es verdiente und ich nicht. Sondern weil wir beide, leidende und fühlende Vultu sein konnten. Dafür verdiente er die Hoffnung, und das Leben.
Er lächelte mich an, und ich bangte darum, ob er es mir nun glaubte oder nicht. Ich bekam es nicht heraus. Mir kam es aber so vor, als ob er etwas vorhatte.
Schnell rief er alle zusammen, und erzählte der Meute von meiner Theorie. In den Sprechpausen aber schaute er auf mich, und verlangte, daß ich zustimme. Er redete viel Unsinn – als ob er sich in Physik auskennen würde – weil ich ihn ja ach-so-toll gerade belehrt hätte. Aber ich widersprach ihm nicht. Es war seine Sprache mit den Häftlingen – und er konnte sie gewiß besser sprechen, als ich. Darin lag irgendwo sein Talent. Mit Vultu umzugehen. Dies war nun irgendwie wichtiger geworden, als all das Wissen, daß ich in so vielen Jahren angesammelt hatte. Die Häftlinge glaubten ihm – zumindest viele. Mehr als nichts.
Kratorwe kam zufrieden zu mir. Er war froh, das gesagt zu haben. Er wollte mir danken dafür, doch ich antwortete ihm nicht mehr. Ja, er war nicht so dumm, wie er vorher den Anschein machte. Er hatte meinen Betrug durchschaut – aber er nutzte es besser, überzeugender, als ich es konnte. Ich blickte unentwegt auf das Photo, wo die Vultu die ich am liebsten hatte, mich anlächelten.

„Professor Nagorek, sie hatten recht...“, sagte der Forschungspremier zu mir. Er sprach diese Worte, wie eine Kapitulation. Er konnte an meiner Lage wohl nichts mehr ändern.
„Wir haben vor kurzem das Ergebnis über ein sichtbares Auge vorliegen, welches wir auf Zurto fanden. Das bestätigt, daß es sich beim unsichtbaren Auge um eine kommunikationsfähige Lebensform handeln muß, auch wenn es uns, selbst mit ihrer Hilfe nie gelang, mit dem Gitter zu kommunizieren. Aber ein Forschungsinstitut für schwarze Löcher, hat es nun geschafft, schwarze Strahlung so zu kalibrieren, daß es mit dem sichtbaren Auge, soetwas wie Kontakt herstellen konnte. Das sichtbare Auge, ist zweifelsohne zwar tot, aber wir konnten gewisse Gedächtnismuster abrufen, durch die schwarze Strahlung. Leider enthielt dieses Muster derart viele und komplexe Informationen, daß es in wenigen Stunden alle Speicher sprengte, die zur Verfügung standen.Dabei hatte das Institut nicht einmal ein Trilliardstel des vermuteten Gesamtmusters erfassen können. Wir ziehen jedoch nun Parallelen vom sichtbaren Auge, zum unsichtbaren Auge. Nun haben wir stichhaltige Hinweise, daß es nützlich sein könnte, das Gitter nicht nur aus dem Grunde zu erforschen, um es zerstören zu können, sondern um es wirklich zu verstehen. Wobei ich ehrlich gesagt, nicht denke, daß wir es verstehen können. Ich denke nun, wie sie einmal sagten, daß es sich bei den sichtbaren Augen, die auf den Planeten verstreut sind, nicht um Eier, oder dergleichen handelt – sondern um evolutionäre Vorstufen des unsichtbaren Auges – des Gitters. Und wenn dem wirklich so ist, dann muß das Gitter jeder Vorstellungskraft, die wir aufbringen könnten, voraus sein.“, sprach der Forschungspremier, in einemAnflug von Begeisterung.
„Das wird mir aber nichts nützen !“, sprach ich weniger wütend, als ich beabsichtigte.
„Tut mir leid, da haben sie recht. Ich wollte ihnen nur sagen, daß ihre Arbeit nicht umsonst war. Und das das Exil nicht das Ende bedeuten muß. Der Computer im Exil ist mit einem biologisch-analogem Gehirn ausgestattet – und es könnte sein, daß dieser Computer innerhalb des Exils eine ebenso analoge Welt schafft, wie sie biologischem Leben zugrunde liegen muß.“, meinte er, irgendwie mitleidig.
„Aber sie wissen es nicht.“, konterte ich.
„Nein – wir wissen es nicht. Ich muß ihnen ehrlich sagen, das Exil ist eher ein Experiment, als ein Todesurteil. Versuchen sie es so zu sehen.“, meinte er, worauf ich lange schwieg. Es kam mir mein ganzes Leben so bizarr vor. So lange diente ich zum Wohle von uns allen – und nun stand ich eine Woche vor meiner Abreise in ein Phänomen, welches ich ermöglichen konnte, und welches der Staat nun nutzte, um unangenehme Menschen zu entfernen.
„Was werden sie jetzt machen ?“, fragte ich, hoffend den Forschungspremier.
„Ich will ihre Forschung weiterführen – dort wo sie aufgehört haben. Ich werde als Forschungspremier zurücktretten. Ich will mich mit Kommunikationswissenschaften beschäftigen. Ich will eine Basis schaffen – eine Möglichkeit, wie sie sie immer visionisierten, zum Gitter, diesem unsichtbaren Auge, eine Verbindung zu schaffen. Den Krieg zu beenden.“, meinte er entschlossen. Irgendwo beruhigte mich das. Vielleicht aber wußte er, daß ich das wohl hören wollte, in diesem Augenblick – das ich ein Vermächtnis habe. Ein Vermächtnis...
„Kann ich vielleicht noch etwas für sie tun ?“, fragte er, kurz bevor er durch die Tür ging.
„Ja... Bitte bringen sie mir ein Photo meiner Familie und sagen sie ihr, daß sie sich um mich keine Sorgen machen soll – sie weiß doch nicht vom Exil. Das soll so bleiben...“, bittete ich ihn.
Lange blickte mich der Forschungspremier an. Er hätte, wie mir schien, viel mehr tun wollen, nun, wo er sah, daß meine meisten Ansätze in der Wissenschaft in eine richtige Richtung wiesen. Beweisen konnte man dies zwar noch immer nicht, doch ich hatte erreicht, daß einer mit meinen Zielen heute, auf viel weniger Widerstand treffen würde. Und der Forschungspremier – so sehr ich ihn früher haßte, war in meinen Augen ein würdiger Nachfolger.
„Geht klar...“, sagte er verständnisvoll. Er hatte sich das „Wiedersehen“ gespart. Dadurch wußte ich, wie er vom Exil dachte.
Die Woche verging schneller als ich dachte. Und ich wurde mit einigen üblen Burschen einen Gang entlang geführt. Ich hielt mich hinten – aus einem wichtigen Grund...
Das verspiegelte Tor öffnete sich, und ein riesiges veraltetes Shuttle, dominierte den halbrunden Hof, vor dem Gefängnis. Nach und nach, wurde jeder hineingeführt.
„Sie auch, Professor...“, sprach ein Wärter vorsichtig. Es war die Vorsichtigkeit vor der Gebrechlichkeit meines alten Körpers und nicht die meiner Bildung, oder Berufes.
„Nein, ich warte auf etwas Wichtiges ! Solange werde ich nicht ins Shuttle gehen !“, sträubte ich mich.
„Kommen sie, ich bitte sie. Machen sie es uns nicht schwer.“, sprach der Wärter leise, während er vor den Dutzenden anderen Sicherheitskräften, meinen Widerstand zu vertuschen versuchte. Ich aber gab nicht nach, und so schob er mich vorsichtig auf die Planke zum Eingang.
„Verdammt, lassen sie mich los ! Sie können mit mir nicht umgehen, wie mit einem Häftling – nur ein paar Minuten. Er kommt bestimmt !“, schrie ich, und die anderen Wärter wurden nun auch aufmerksam auf mich, und kamen mit Knüppeln auf uns beide zu. Kurz wollte der Wärter sich einlassen mit mir – wollte fragen, wen ich meinte, doch dazu bekam er keine Gelegenheit, und die anderen Sicherheitskräfte zerrten mich ins Raumschiff.
Plötzlich kam eine Stimme: „Geht schon in Ordnung – lassen sie Professor Nagorek sofort los. Ich bin der Forschungspremier des Hauptfoschungsinstitutes !“,worauf sich die Griffe an mir lösten.
Der Forschungspremier drängte sich durch die Menge zu mir vor, und gab mir das Photo. Für Worte war er zu schwach, als er mir in die Augen blickte. Ich sah es ihm an, daß er nicht wußte, was ich ihm glauben würde, von dem was er sagen wollte. So klopfte er mir lediglich freundschaftlich auf die Schulter, und machte eine zuversichtliche Miene. Dann aber, noch bevor diese Miene zerbröckeln hätte können, drehte er sich um, und ging weg, ohne sich nach mir umzusehen. Das Wichtigste, worauf ich wartete, hatte er mir ja nun gebracht...


„Wir sind bald da...da vorne !“, meinte Kratorwe, der die Triebwerkgeräusche und meine Gedanken über die Erlebnisse in meinem Leben mit seiner Stimme zerschnitt, und scheinbar verstummen ließ.
Und ich blickte aus dem verdreckten Shuttle-Fenster zu meinem selbst geschaffenem Gefängnis : in ein blaues Flackern.



Ende

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: Mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... und Wohnungseigentumsgesetz
von Helmut Köhler
Siehe auch:
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